Sandra Rehschuh

Das Schreiben

Ich war vier oder fünf Jahre, als ich das Interesse an den komischen Dingern, die in den Büchern abgebildet sind, entdeckte. Nein, nicht die bunten Bildchen, sondern diese schwarzen Teile. Diese geraden und gebogenen Lininen. Buchstaben eben.

Wenn dort so viele waren, konnte es doch nicht schwer sein, so etwas auch zu schaffen, oder?

Heute weiß ich nicht mehr, ob das wirklich meine Gedanken waren. Ich weiß nur, dass ich mir aus weißen A4- Blättern ein Heftlein zusammentackerte, Bilder von Tieren aus Zeitungen schnitt, um dann deren Namen ordentlich darüber abzuschreiben. Okay, abschreiben konnte man das nicht wirklich nennen. Es war vielmehr das Abzeichnen von Buchstaben. Dennoch standen (die meisten) sogar in der richtigen Reihenfolge. Mein erstes Buch war geschrieben!

Ich plante ein ganzes Lexikon über die Tiere zu verfassen, doch dieser Traum ist bis heute solch einer geblieben.

Die abendlichen Lesestunden mit meinen Eltern genoss ich in vollen Zügen. Bald schon aber wollte ich vorlesen. Und so mussten meine Eltern für meine holprigen Leseanfänge herhalten.

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Dann kam der Tag der Einschulung. Ich erinnere mich daran, wie aufgeregt ich am Vorabend war. Alle Buchstaben konnte ich schreiben. Lesen natürlich auch. Nur das kleine „L“, das wollte mir auf dem Papier einfach nicht gelingen. So überlegte ich mir eine Strategie, wie ich es doch schreiben konnte: Einfach mein Schreibheft umdrehen. Denn verkehrtherum konnte ich es schreiben.

Vielleicht könnt ihr euch die Enttäuschung vorstellen, als am nächsten Morgen kein Unterricht stattfand. Nein, es wurde Einschulung gefeiert. Dabei hatte ich mich so auf den Deutsch-Unterricht gefreut!

Die Jahre vergingen. Gefürchtet war ich bei meinen Deutschlehrern durch die ewig langen Aufsätze. Zweihundert geforderte Wörter? He, warum nicht zweitausend? Na ja, deren Begeisterung hielt sich in Grenzen. Manchmal glaubte ich, sie lesen meine Aufsätze gar nicht zu Ende, sondern schrieben mir immer so meine Note darunter.

Schulaufsätze fand ich toll. Doch noch hatte ich keine weiteren Ambitionen, außerhalb der Schule zu texten.

Das änderte sich im Alter von 15Jahren. Wie viele andere Jugendliche begann ich Gedichte zu schreiben, die vor Schmalz nur so tropften. Als meine Hündin starb, erreichte ich dessen Gipfel.

Diese blöden Gedichte vermochten mir den Schmerz nicht zu nehmen! Ich brauchte etwas Längeres, um mich dauerhaft abzulenken.

So schrieb ich meinen ersten „Roman“ in ein Schulbuch. „Jonny“ nannte er sich und war im Bereich des Horrors agesiedelt. In jeder Unterrichtsstunde schrieb ich daran, manchmal auch in den Pauen. Zum Schluss kamen bestimmt gute einhundert A5-Seiten zusammen.

Kurz nachdem ich das Wort „Ende“ darunter setzte, hatte ich meinen Realschulabschluss in der Hand.

Das wahre Leben begann und das Schreiben geriet in Vergessenheit.

Nach meiner Lehre, ich arbeitete als Gesundheits- und Krankenpflegerin in einer Reha-Klinik, erwachte in mir das Verlangen, meinen Frust von der Seele zu schreiben. Viel zu viele Schichten, zu viel Arbeit, zu wenig Personal. Nur ausgepowert von Arbeit heimkehren und die freien Tage verschlafen. Das muss 2006 gewesen sein.

Meine Idee: Ich schreibe jetzt einen Roman, werde damit reich und muss nie wieder in die Klinik.

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Nun ja, den Roman schrieb ich. „Amrodas – Die Macht des Drachen“. Ein Fantasy-Roman, angelegt als Triologie. Den ersten Teil beendete ich, der zweite ist/ war geplottet. Doch dann musste ich erkennen, das alles das, was ich geschrieben hatte, absoluter Mist war. Mit meinem Schul-Deutsch kam ich in der Welt der ernsthaften Literatur nicht weiter.

Was tun?

Aufgeben kam für mich nicht in Frage. Zu viel Zeit hatte ich bereits in das Projekt investiert (das heute noch auf meiner Festplatte schlummert, aber wohl niemals das Tageslicht in Form eines Buches sehen wird).

Ich suchte mir ein Autorenforum, lernte dort die Grundlagen und veröffentlichte mit Hilfe einer befreundeten Autorin meine erste Kurzgeschichte.

Wie toll sich das anfühlte, als ich meinen Namen in der Literaturzeitschrift „Kurzgeschichten“ entdeckte!

Die Sucht war geweckt!

Ab nun hieß es schreiben, schreiben, schreiben.

Ich kündigte meine Stelle, suchte mir einen anderen, etwas ruhigeren Job und lernte da Handwerk des Schreibens von Grund auf.

2010 durfte ich endlich mein erstes Kinderbuch in den Händen halten.

Bis heute habe ich schon einen langen Weg hinter mir. Ich weiß, dass vor mir einer liegt, der wahrscheinlich noch steiniger, noch länger ist.

Aber das nehme ich gern in Kauf.