Sandra Rehschuh

Der Ruf des Pharaos

Bastet

bastet

„Sind wir wirklich hier? Wie sind wir
hergekommen? Und wie konntest du mich finden?« Fragen
über Fragen, auf die sie doch keine Antwort wusste.
Die Schwarze sprang von ihrem Arm, lief ein kurzes
Stück den Gang entlang, setzte sich und blickte zu ihr
zurück.
»Wohin möchtest du, Bastet?«
Folge mir.
Es überraschte sie nicht, dass zu allem Überfluss auch
die Katze mit ihr sprach. Die ganze Geschichte schien geradewegs
aus einem absurden Abenteuerroman entsprungen
zu sein. Gut, warum sollte ihr Haustier dann keine
Gött in sein? »Ich will nicht weiter in dieses Labyrinth hinein.
Ich habe Angst, Bastet. Wirklich Angst. Vielleicht sollten
wir einfach hier stehen bleiben und warten, bis meine
Mama mich aufweckt? Das hat bisher immer geholfen.«
Wir sind in keinem Traum. Das ist die Realität.

DER RUF DES PHARAOS
(c) Sandra Rehschuh


 Tal der Könige

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Bildquellenangabe: Katharina Wieland Müller / pixelio.de

Der Himmel stand hellblau über ihnen. Keine einzige
Wolke trübte den Sonnenschein, dessen Hitze Schweißperlen
auf ihre Stirn zauberte. Mit den Gedanken schon beim
nächsten Schritt wischte sie diese fort, sah auf die weite
brachliegende Ebene, anschließend auf die Treppen. »Wir
müssen da hinauf. Nicht wahr?«
Wenn wir ihn aufhalten wollen, ja.
»Dann lass uns gehen. Lass es uns hinter uns bringen.«
Mit Vorsicht setzte sie ihren Fuß auf die erste aus Stein gemeißelte
Stufe. Trug sie ihr Gewicht? Sandkörner knirschten
unter den Schuhsohlen wie Glas. Zitternd tat sie den
nächsten Schritt .
Kommt nur. Kommt. Dann brauch ich euch nicht zu holen.
Es lachte und donnerte zugleich hinter ihren Schläfen.
Bastet legte die Ohren an, zeigte ihr Gebiss.
Oh, du armseliges Getier. Du willst mich aufhalten? Du,
die dazu verdammt ist, in Gestalt einer Katze auf Erden zu
wandeln? Eine Göttin, ihrer Kräfte beraubt?

DER RUF DES PHARAOS
(c) Sandra Rehschuh


Spuren in der Wüste

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Bildquelle: M. Hermsdorf / pixelio.de

Zu Echnaton? Willst du uns umbringen?
Nicht im Geringsten. Wolltest du nicht sein Geheimnis
ergründen?

Schon. Aber jetzt, wo sie inmitten der Wüste standen,
suchte sie nach der Erklärung für ihren Mut. Sie glaubte
nicht länger, dass das Abenteuer nur in ihrer Fantasie
ablief. Ihre Hoffnungen lösten sich buchstäblich in heiße
Luft auf.

DER RUF DES PHARAOS
(c) Sandra Rehschuh


Wüste in der Nacht

wueste

Schon vor Stunden war die
Sonne hinter dem Horizont verschwunden und die Hitze
des Tages gewichen. Inzwischen hielt die Kälte Einzug.
Eine Kälte, die Anna in einer Wüste nie erwartet hätte.

Das Tor in unsere, also meine Welt, öffnet sich nur zu bestimmten
Zeiten? Verstehe ich das richtig?
Es gelang ihr kaum noch, das
Zittern in ihrer Stimme zu unterdrücken. Sie rieb sich über
die Oberarme, doch sie fror weiterhin entsetzlich.

[…]

Sie setzte sich in den Sand
und schlug die Beine übereinander. Den Kopf in den Nacken
gelegt betrachtete sie das Gestirn. Ihr erschien das Firmament
tiefschwarz. Die Sterne leuchteten in unregelmäßigen
Abständen wie kleine fluoreszierende Stecknadelköpfe.
Der Himmel sah fremd aus in diesem Land. Die Sternbilder
standen anders, die Dunkelheit schien absolut. Keine Satelliten
umkreisten die Erde. Zum ersten Mal fühlte sie sich
wirklich allein. Sie schlang die Arme um die Beine, zog sie
enger an ihren Körper. Ob sie wohl jemals den Heimweg
fanden?

DER RUF DES PHARAOS
(c) Sandra Rehschuh


Oase

oase

Er zerrte sie weiter zum See, der den Namen Tümpel
eher verdiente. Sie sah die Kamele, mit denen die Männer
hergekommen sein mussten. Die Männer würden sie auf deren Rücken verschleppen, tiefer in die Wüste hinein und jegliche Hoffnung auf eine Heimkehr damit zunichtemachen.
Nein, das durfte nicht geschehen. »Bastet! Bastet, so hilf mir doch!«

Ein schwarzer Strudel aus Angst packte nach ihrem Herzen
und wollte es mit sich reißen, als die Stimme des Alten
durch den Sog wie ein Messer durch weiche Butter schnitt .
»Bastet?«

DER RUF DES PHARAOS
(c) Sandra Rehschuh


Kamele

kamele

 

Das Schaukeln des Wüstenschiff es wiegte Anna in den
Schlaf. Traumlos und ohne Tiefe. Mehr ein Dämmern, als
wahrer Schlummer.
Ich bin hinter euch.
Sie horchte und schniefte sogleich. Eine Einbildung.
Bastet ließ sie im Stich.
Ich bin da, knurrte es in einem Ton, der keinen Widerspruch
duldete. Sieh zu Boden.
Sie öffnete einen Spaltbreit die Augen, erblickte unter
sich aber nur den wellenförmigen Wüstenboden, der sie
an ein Meer erinnerte.

DER RUF DES PHARAOS
(c) Sandra Rehschuh


Das Labyrinth

tor

Bastet murmelte etwas, das sich in ihren Ohren wie
Flüche anhörte, und ignorierte es. Diese Katze besitzt nicht
den Hauch einer Ahnung, was sie in diesem Labyrinth erwartet.

Eine innere Stimme rief ihr zu, abrupt nach links abzubiegen.
Sie folgte ihr. Was hatte sie schon zu verlieren?
Dann noch einmal, gelangte damit tiefer in das Labyrinth
hinein. Mit unerschütterlicher Klarheit wusste sie, wo sie
sich befand. Jetzt brauchte sie Manfreds Karte nicht mehr.
Hier kannte sie sich blind aus. Es war das Labyrinth ihrer
Träume, in dem sie sich auch in absoluter Finsternis
zurechtfand.
Nach ein paar Schritten hielt sie inne; sah sich um. Sollte
sie nach rechts abbiegen? So, wie in ihrem Traum? Aber
da gab es beim letzten Mal plötzlich eine Sackgasse. Eine
Sackgasse, deren Wände näher kamen und sie zu erdrücken
drohten. Es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. Sie streckte den Arm nach links aus und ertastete
nichts. Also musste es einen Durchgang geben. Alles war
besser als diese elenden Mauern.

DER RUF DES PHARAOS
(c) Sandra Rehschuh


Echnaton

echnaton

Bildquelle: fritzdeluxe / pixelio.de

Also lass mich in Ruhe.
Das vermag ich nicht. Du wirst dich erinnern. So, wie du es
schon einmal getan hast.

Was hab ich schon einmal getan? Wann begriff er es endlich?
Sollte sie ihm aufmalen, dass sie sich nicht mit ihm
beschäftigen wollte?
Dich erinnern.
Wie weiter?
Schweigen.
Das hatte sie sich gedacht. Echnaton, lass mich in Ruhe.
Niemals!, donnerte seine Stimme. Komm endlich zu mir.
Ich war bei dir, irrte so oft durch dein Labyrinth. Warum
hast du die Chance nicht genutzt? Dann wäre längst alles vorbei.

Die Zeit war nicht reif.
Für was, sagte er nicht, doch sie konnte es sich denken.
Seine Macht, sie zu benutzen, hatte sich erst in dem Moment
entfaltet, als sie dieses Land betreten hatte.
Jetzt gab es nur noch einen Trumpf, den sie bisher nicht
zu spielen gewagt hatte und in den sie all ihre Hoffnungen
legte.

DER RUF DES PHARAOS
(c) Sandra Rehschuh


Tutanchamun

tutanchamun

Bildquelle: Rosel Eckstein / pixelio.de

Ihr Herz schlug schneller,
ein Zittern in den Beinen brachte sie zum Wanken. O
mein Geliebter. Ich bin zu spät gekommen. Viel zu spät
, dachte
sie wie selbstverständlich. Sie war nicht länger nur Anna,
das Mädchen aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert.
Du bist da.
Sie horchte und sah sich um. Niemand war in ihrer
Nähe. Vater, Chebres, Claudia und Bastet saßen noch immer
an derselben Stelle. Sie wusste, dass keiner von ihnen
gesprochen hatte. Diese Stimme … lang war es ihr nicht
vergönnt gewesen, sie zu hören. Doch jetzt, wo sie an seinem
Grab stand, erinnerte sie sich genau an sie.
Tutanchamun? Hoffnungsvoll starrte sie auf den Sarkophag.
Vermochten Tote wirklich zu sprechen? Oder war es
nur wieder ein elender Trick von Echnaton?

DER RUF DES PHARAOS
(c) Sandra Rehschuh