Category Archives for Jugendbuch

Neuauflage: (K)ein Hund zu Weihnachten

Cover - (K)ein Hund zu Weihnachten

(K)ein Hund zu Weihnachten

„Ausgesetzt – (K)ein Hund zu Weihnachten“ ist die Botschaft dieses Büchleins.

Jahr für Jahr landen Tiere unter dem Weihnachtsbaum und viele von ihnen kurze Zeit später in einem Tierheim.

Die Geschichte von Lucky, einem solchen „Weihnachtshund“ ist hier nachzulesen.
Lucky findet glücklicher Weise ein neues Zuhause., auch wenn auf dem Weg dahin viel Kummer liegt.
Doch seine Freunde im Tierheim unterstützen ihn, auch wenn sie selbst von den Menschen geplagt sind.
Da ist Roxy, die Königspudeldame, die niemand haben möchte, weil sie zu alt ist, oder Sissy, eine schwarze Katze, die immer wieder verstoßen wird.

Leider sind dies reale Fälle, wie sie tagtäglich in den Tierheimen vorkommen.
Unsere Freunde hier haben Glück, doch viele Tiere finden kein neues Zuhause und müssen den Rest ihres Lebens in einem Tierheim verbringen.

Bitte handeln Sie nicht vorschnell, wenn Sie, vielleicht ihrem Kind, den größten Wunsch eines tierischen Freundes erfüllen wollen.

Und vielleicht lesen Sie ihm ja dann die Geschichte von Lucky vor?

Noch ein Hinweis zum Ende: Das Buch ist eine erfundene Geschichte, auch wenn es Lucky tatsächlich gab. Das Buch ist für Kinder geschrieben, weswegen hier nicht die schlimmen Dinge geschildert werden, die den Tieren im Tierheim widerfahren (können). Natürlich ist es recht unwahrscheinlich, dass zum Schluss drei tierische Freunde gemeinsam in ein neues Zuhause ziehen (auch wenn ich hoffe, dass es solche Zufälle doch hin und wieder gibt). Hier sei bitte die künstlerische Freiheit akzeptiert. Das Buch ist mit dem Hintergrund geschrieben worden, Kindern aufzuzeigen, dass es wirklich schlimm ist, ein Tier auszusetzen, nur weil man mal ein paar Tage Urlaub braucht. Um diese Botschaft dennoch kindgerecht zu verpacken, gibt es zum Schluss ein „überspitztes“ Happy End.

 

 

Leseprobe

Der Wind pfeift um meine Ohren, es ist kalt, es schneit. Überall sind Autos. Und meine Menschen? Ich kann sie nicht sehen. Sie sind einfach weg! Ich verstehe die Welt nicht mehr!
Ich soll hier warten, haben sie gesagt. Das habe ich getan. Fast den ganzen Tag. Aber sie sind nicht wieder gekommen!
Ich setze mich und kratze mein Ohr. Ich muss einen klaren Kopf behalten. Was soll ich jetzt tun? Loslaufen und sie suchen kann ich nicht, denn sie haben mich an einem Schild angebunden. Blau ist es, ein weißer Buchstabe prangt darauf. Warum ausgerechnet hier?
Mir bleibt also nichts anderes übrig, als weiter zu warten. Dabei knurrt mein Bäuchlein so furchtbar! Und ich friere!
Ich beginne, mein anderes Ohr zu kratzen. Ob sich da wohl ein Floh niedergelassen hat? Es fühlt sich so an. Doch eine andere Frage lässt mir keine Ruhe: Wo sind meine Menschen? Warum haben sie mich hier gelassen?
Ich sehe die Sonne untergehen, bald wird es dunkel!
Ich rolle mich zitternd auf dem Boden zusammen. Die letzten wärmenden Sonnenstrahlen verschwinden hinter den Bäumen am Rand der Straße. Mit der Dunkelheit kommt noch mehr Kälte.
Fremde Menschen gehen an mir vorbei. In ihren Augen ist ein Glitzern. Warum schauen sie mich so an? Wisst ihr, warum ich hier bin? Was soll ich tun? Ab und an bückt sich jemand herunter, der mich streichelt. Warme Hände! Wunderbar! Ich genieße diese Streicheleinheiten, doch nur für einen kurzen Augenblick. Mich quält nur eine Frage: Wo sind meine Menschen?
Ein Menschenjunge hält mir seine Leberwurstschnitte unter die Nase. Ich schnüffle daran. Hmmm! Riecht das gut! Allerdings haben mir meine Menschen beigebracht, nichts von Fremden zu nehmen. Also drehe ich den Kopf zur Seite. Der Junge schaut traurig, legt die Schnitte neben mir zu Boden und läuft davon.
Wie gern möchte auch ich laufen! Aber die Leine um meinen Hals sitzt fest. So sehr ich auch daran ziehe, sie löst sich nicht. Nein, selbst die Luft wird mir knapp!
Ich setze mich wieder hin. Es ist nun ganz finster. Noch immer kommen und gehen die Menschen, aber es werden weniger. Meine Menschen sind nicht dabei.
Die hellen Lichter der Scheinwerfer der Autos sehen in der Dunkelheit aus wie die Augen von Ungeheuern. Ich habe Angst!
Es fängt an zu regnen. Mein Fell ist nass, ich meine, darin Eisklumpen zu sehen. Mir ist so kalt!
Bitte, wo seid ihr?
Weit lege ich den Kopf in den Nacken. Die Kehle vibriert, als ich zu Jaulen beginne. Vielleicht hören sie mich ja? Ich schrei und winsle, doch meine Menschen kommen nicht. Nach einer Weile lege ich mich in den Schnee. Ob ich sie wohl jemals wiedersehen werde? Hoffentlich ist ihnen nichts geschehen!
Der Geruch von Leberwurst steigt in meine Nase. Misstrauisch beobachte ich die Schnitte. Sie bewegt sich nicht.Soll ich? Mein Bäuchlein knurrt seit Stunden. Ich will ihn nun zufrieden stellen. Ich schaue um mich. Niemand ermahnt mich, die Nase wegzunehmen. Niemand, der schimpft. Niemand, der mir dieses Essen streitig machen möchte. Vorsichtig lege ich meine Pfote auf die Brotscheibe. Sie macht keinen Versuch, davon zu laufen. Gut so! Ob sie ahnt, wie hungrig ich bin? Hastig beiße ich hinein, bevor sie es sich anders überlegt. Wie gut sie schmeckt!
Nach wenigen Bissen ist sie weg. Ich habe noch immer Hunger, doch das Knurren verschwindet.
Jetzt noch eine Schale frisches Wasser! Aber ich befürchte, dass mir die heute wohl niemand mehr bringen wird.
Also werden die Regentropfen von der Nase geschleckt. Der Regen fühlt sich mit einem Male weicher an, fast schon sanft. Ich schaue nach oben. Ja, es sind keine Regentropfen mehr, die herab prasseln. Das ist Schnee! Ich erinnere mich daran zurück, wie ich mit meinen Menschen im Schnee getollt habe. Damals war ich noch ganz klein gewesen. Das hat solch einen Spaß gemacht! Aber die Erinnerung verblasst so schnell, wie sie gekommen ist. Mir wird immer kälter. Das Wasser und der Schnee schmecken seltsam. Gar nicht wie zuhause. Ob es mit den stinkenden Autos zu tun hat, die an diesem Parkplatz vorbei fahren?
Es spielt keine Rolle. Ich werde nichts anderes bekommen. Traurig kuschle ich mich ein mein Schlammloch zurück.
Nur noch vereinzelt kommen die Menschen. Niemand schaut mich an. Wo sind nur meine Leute? Zitternd vor Kälte schlafe ich ein.

Das Feuer im Kamin prasselt leise. Es hält mich schön warm. Zufrieden liege ich ausgestreckt auf einem weißen Schaffell.
»Tobi! Es gibt Futter!«, ruft die Stimme meiner Menschenfrau lockend.
Müde hebe ich den Kopf. Ist es schon so spät? Träge erhebe ich mich und trotte, mit dem Schwanz wedelnd, in die Küche. Warme Hände streicheln mir über den Rücken. Schön! Tief versenke ich meine Nase in das köstlich duftende Futter. Die Welt ist in Ordnung.
»Wollen wir spielen?«, fragt mich das kleine Mädchen, nachdem ich satt bin.
Eigentlich habe ich keine Lust mehr. Viel zu schwer liegt mir das Fresserchen im Bauch. Aber dem Leuchten in ihren Augen vermag ich nicht zu widerstehen.
Also gehen wir noch einmal zusammen in den Garten. Immer wieder laufe ich dem Ball hinterher und bringe ihn ihr. Sie lacht und freut sich darüber und ich bin einfach nur glücklich. Ja, so sieht ein perfektes Hundeleben aus, denke ich und hole den Ball von Neuem. Irgendwann werden ihre Würfe kürzer, sie gähnt und ihre Knopfaugen werden ganz winzig.
»Du musst ins Bett«, erklärt die große Menschenfrau lachend und holt uns beide ins Haus.
Du musst ins Bett heißt übersetz: Tobi und du müssen ins Bett. Denn jemand muss das zarte Wesen doch bewachen, oder?Also trollen wir uns nach oben. Ein ganzes Haus gehört uns! Und oben sind die Schlafplätze.
Ich bin der Erste, der es sich auf der Decke bequem macht. Ach, ist das schön! Zu gern mache ich dem Mädchen Platz, das mich sanft zur Seite schiebt.
Der Tag war aufregend. Der Weihnachtsbaum, die bunten Kugeln und die vielen Lichter! Seit drei Tagen wohne ich nun schon hier und ich finde, es ist der Himmel auf Erden. Am Anfang hatte ich jedoch Angst. Die große Menschenfrau und der Menschenmann steckten mich in eine stickige Kiste, aus der ich nicht allein hinaus konnte. Aber dann kam das kleine Mädchen, holte mich daraus und rief etwas von einem tollen Weihnachtsgeschenk. Ich weiß nicht, was Weihnachten ist, doch mir gefällt es.

 

Frei bis in die Unendlichkeit

Cover Sandra Rehschuh - Frei bis in die Unendlichkeit

Sandra Rehschuh – Frei bis in die Unendlichkeit

Die Geschichte ist voller Spannung, Abenteuer und Magie. Nach dem Tod ihrer Mutter hat Taya nur einen Wunsch: raus, ans Meer. Stattdessen schickt der Vater die 14-Jährige auf einen Reiterhof aufs  Land – für Stadtkind Taya der reinste Albtraum. Doch dann lernt sie dort Demian kennen, und den weißen Hengst Staglo, der so anders ist als die anderen Pferde auf dem Hof.

Doch als Taya dem Geheimnis des stolzen Pferdes auf die Spur kommen will beginnt Taya, sich an Dinge zu erinnern, die nie geschehen sind. Gemeinsam mit Demian und Staglo taucht sie tief in die Vergangenheit ein: in die Zeit der Kelten vor 2500 Jahren. Und bald muss Taya sich entscheiden, welches Leben sie führen will.
Das Jugendbuch, in dem es neben der spannenden Zeitreisegeschichte auch um das Verarbeiten von Verlusten und um die erste große Liebe geht, ist für Leser ab 12 Jahren geeignet.

Leseprobe

Taya lag auf ihrem Bett und schluchzte in das Kopfkissen. »Ach Papa, kannst du mich nicht wieder abholen kommen? Ich will hier nicht bleiben. Ich fühle mich so allein.«
Im nächsten Moment klopfte es an die Zimmertür. Taya schrak auf, setzte sich hin und wischte die Tränen fort. Wer konnte das sein? Hoffentlich nicht dieser Bauerntrampel, der sie einfach nicht verstand. Doch ihre Hoffnungen wurden zerstört.
»Taya, ich bin es. Demian. Bitte, darf ich hereinkommen?«
Demian? Was wollte der denn? Konnte er sie nicht einfach in Ruhe lassen? Seine dummen Bemerkungen waren das Letzte, was sie jetzt gebrauchen konnte.
»Was willst du?«
»Ich muss mit dir reden. Bitte lass mich rein.«

 

 

Oh, auf was hatte sie sich da nur eingelassen? Noch einmal wischte sich Taya über das Gesicht und rief dann leise:
»Dann komm halt rein.«
Nur einen Spalt weit öffnete sich die Tür, aber es reichte, damit er sich hindurchzwängen konnte.
»Mädchen dürfen keinen Herrenbesuch auf dem Zimmer empfangen.«
Er grinste, aber wurde sofort wieder ernst.
»Taya, es tut mir leid, was ich vorhin gesagt habe. Ich wollte dich nicht verletzen.«
Er nahm an dem kleinen Tisch Platz.
»Aber du weißt doch, wie wir Jungs sind, nicht wahr?«
Trotzig schüttelte Taya den Kopf, um danach sofort zu nicken.
»Hmm … vielleicht doch. Ein wenig zumindest. Aus euch Kerlen kann man einfach nicht schlau werden«, murmelte sie.
»Ich möchte es wieder gut machen und habe deswegen einen Vorschlag für dich: Die anderen Kinder kommen erst übermorgen hier an.«
»Ich bin kein Kind mehr«, unterbrach sie ihn barsch, doch Demian ignorierte ihre Worte.
»Viele von ihnen haben schon eine Menge Erfahrung mit Pferden. Deswegen plant Fritz für übermorgen Nachmittag auch gleich einen Ausritt.«
Taya starrte ihn an und konnte nicht glauben, was sie da eben gehört hatte.
»Wie … wie soll das funktionieren? Ich habe noch nie auf einem Pferd gesessen. Da falle ich unter Garantie herunter!«
»Und genau deswegen möchte ich dir vorschlagen, dass du und ich – noch vor dem Abendessen miteinander üben. Ich werde Fritz sagen, dass ich dir die Gegend zeige. Es gibt da ein kleines Waldstückchen, wo niemand so schnell vorbeikommt.«
»Und dann soll ich auf dir reiten?«, fragte Taya und stellte sich dabei vor, wie sie ihn mit einer Peitsche antrieb.
Das könnte lustig werden! Nur mit Mühe schaffte sie es, ein Kichern zu unterdrücken.
»Blödsinn!«, sagte Demian empört.

Gebundene Ausgabe: 120 Seiten
Verlag: Carow Verlag Gruppe; Auflage: 1 (26. März 2017)
Sprache: Deutsch
ISBN-13: 978-3944873077
empfohlenes Alter: 12 – 16 Jahre

»Wir werden Leonie mitnehmen. Sie war heute noch nicht ausreiten und ein kleiner Spaziergang wird ihr sicherlich guttun.«
Er zwinkerte ihr zu.
»Einverstanden?«
Zögernd nickte sie. Noch immer konnte sie sich nicht vorstellen, in wenigen Stunden auf einem Pferd zu sitzen. Erst recht nicht auf so einem Riesen wie Leonie. Aber wohl oder übel würde sie Demian vertrauen müssen.
»Na gut. Aber nur unter der Bedingung, dass du mich nicht wieder auslachst.«
»Versprochen. In einer Stunde an der Koppel?«
Demian wartete die Antwort nicht mehr ab. Genauso schnell, wie er gekommen war, verschwand er auch wieder durch den winzigen Türspalt. Offenbar war das auf diesem Hof eine Marotte der Bewohner. Seltsame Leute. Und ein noch seltsamerer Junge.

 

Der Ruf des Pharaos

Sandra Rehschuh - Ruf des Pharaos Cover

Sandra Rehschuh – Ruf des Pharaos

Albträume werden nicht wahr … oder doch?

Dunkelheit. Ringsumher. Wände, die keinen Ausweg erkennen lassen.

Die vierzehnjährige Anna träumt oft von einem finsteren Labyrinth, bis sie erkennt, dass ihre Träume sie in eine andere Realität gezogen haben. Sie findet sich im alten Ägypten wieder, 1335 Jahre vor Christus.

Anna weiß, sie muss aufwachen, verschwinden, doch sie kann nicht. Eine viel zu starke, unheimliche Macht hält sie gefangen. Ihr Schicksal ist auf rätselhafte Weise mit der Vergangenheit verbunden. Warum setzt der mächtige Pharao Echnaton alles daran, sie in seine Hände zu bekommen? Wird Anna es mithilfe der Katzengöttin Bastet schaffen, nach Hause zurückzukehren? Und was macht ausgerechnet Daniel, ihre erste große Liebe, an diesem Ort, in dieser Zeit?

 

 

Leseprobe

Die Ausstellung
Dunkelheit. Schwärze. Überall. Atemraubend. Anna sah keinen Meter weit. Abgestandene Luft legte sich wie nasser Sand über die Nase, den Mund, erschwerte ihr das Atmen. Rasch hob und senkte sich ihr Brustkorb, jede Faser des Körpers gierte nach Sauerstoff, schien vor Ungeduld zerreißen zu wollen.
Sie spürte die Blicke wie Nadelspitzen auf ihrer Haut und dann … diese Schritte. Schritte, die von den Mauern herniederhallten, die sie umringten.
Sie blieb einen Herzschlag lang stehen, lauschte in die Finsternis. Kamen die Tritte näher? Nahm das Stöhnen an Lautstärke zu?
Gehetzt sah sie zurück und erkannte doch nichts.
Weiter! Du musst weiterlaufen, klang es hinter ihrer Stirn. Er holt dich. Er fängt dich. Du wirst niemals dieses Labyrinth verlassen, wenn er dich erreicht.
Sie drückte die Hände gegen die Schläfen, bis die Stimme in ihrem Kopf verstummte. »Ruhig, Anna«, murmelte sie, »irgendwo muss es einen Ausgang geben. Irgendwo vor dir. Oder hinter dir.« Ihr Herz trommelte wild. Die Erkenntnis, dass sie nicht den Hauch einer Ahnung besaß, wo sie sich überhaupt befand, jagte ihr einen Schauder über den Rücken.
Den Tränen nahe, streckte sie die Arme zu beiden Seiten aus. Ihre Hände berührten staubigen Stein. »Es muss einen Ausgang geben. Es gibt immer einen.« Sie konzentrierte sich auf ihren Puls, befahl ihm, langsamer zu werden. Erst, als er einen normalen Rhythmus annahm, schloss sie die Augen, versuchte sich auf Gehör und Gefühl zu verlassen und trat zwei Schritte nach vorn.
Keine Mauer. Aber auch kein Luftzug. Enttäuscht ließ sie die Schultern sinken.
»Grrr …«
Blindlings hastete sie durch die Gänge, eine gefühlte Ewigkeit, bog nach rechts ab, als sie auf dieser Seite keinen Widerstand spürte.
Der Schmerz schoss wie ein Pfeil von der Stirn in die Füße. Einen Moment lang verspürte sie Übelkeit, als ob sie zu viele Süßigkeiten auf einmal gegessen hätte, und atmete tief durch.
»Aua«, murmelte sie schluchzend, und tastete über eine Mauer. Sie war so oft den Weg entlanggelaufen, aber nie zuvor hatte er an dieser Stelle aufgehört. Es gab nur eine Sache, die sie wirklich wusste. Hinter ihr, irgendwo in den Tiefen der Schwärze, lauerte das Geschöpf, das nach ihr jagte.
Von Neuem hallten seine Schreie durch das Labyrinth, als ob es ihre Gedanken las.
»Grrr …« Dieses Mal schien es näher als zuvor.
Zitternd fuhr sie mit den Fingern über den Felsen. Sie fanden keinen Ausweg, keine Lücke, durch die sie sich zwängen konnte.
Außer Atem ließ sie sich gegen die Mauer sinken, starrte in die Dunkelheit. Sie presste die Zähne aufeinander, damit ihr Klappern sie nicht verriet. Ihre Haare stellten sich zu Berge.
Sie lauschte. Schlürfende Schritte, unheilvolles Knurren. Lauter. Näher.
Sie drückte sich gegen Stein und verbarg den Kopf zwischen ihren Knien. Ich seh dich nicht, also siehst du mich auch nicht. Ich seh dich nicht, also siehst …
Eine Hand, wie von Elfenbein, blitzte in der Schwärze auf.
Anna schrie.

 

Anna brüllte noch immer. Ihre Kehle fühlte sich wie Sandpapier an, ihre Stimme wurde schwächer, doch sie konnte nicht aufhören.
Ein lautes Knarzen übertönte sie.
»Anna? Was ist los?«, rief jemand.
Ohne Vorwarnung kam die Hand aus der Finsternis, bleich wie eine Totenhand. Sie keuchte. Das Ding kannte ihren Namen.
Sie fuhr auf, hörte ihr Herz dumpf in ihren Ohren pochen, sah einen Schatten, der ihr seltsam vertraut war und verstummte. Zischend sog sie die Luft zwischen den Zähnen ein. »Mama? Was …? Wo bin ich?«
Mama nahm sie in die Arme und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. »Anna, du hast schlecht geträumt. Ein Alb, mehr nicht.«
Annas Augen füllten sich mit Tränen. Sie schniefte. »Es war kein Traum. Ich war dort. In dem dunklen Labyrinth. Die Mauern … die Sackgasse.« Ihre Stimme schwoll an, bis sie in Mamas Augen blickte. Darin erkannte sie ein Funkeln, das ihr nicht geheuer vorkam. Schmerz? Begründet in einer Ahnung, dass sie den Verstand verlor? Doch sie konnte nicht länger schweigen. »Es ging nicht mehr weiter. Dieses Mal jedoch …« Sie vergrub das Gesicht in der Ellenbeuge ihrer Mutter wie in Kindertagen, wenn sie sich gruselte. »Ich habe etwas erkannt.«
Mama nahm die Hand von ihrem Rücken. Augenblicklich vermisste sie die tröstende Wärme und bereute, überhaupt den Mund geöffnet zu haben.
»Was war das?« In Mamas Stimme schwang ein sorgenvoller Unterton.
Sie sah auf. Hörte sie ein Vibrieren, ein Zittern? Wieder und wieder hallte der Satz wie ein Echo in ihrem Kopf nach, bis sie glaubte, zurück in dem Labyrinth zu sein. Gehörte das, was sie vernahm, an diesen schrecklichen Ort? Stellte Mama einen Teil dieses ewig wiederkehrenden Albtraumes dar?
Anna schüttelte den Gedanken ab. Unsinn. Mama macht sich wirklich Sorgen um mich.
»Anna?«
Sie versuchte, zu lächeln. »Bitte entschuldige. Ich probiere, mich an die Einzelheiten zu erinnern. Vielleicht eine Klaue, Pranke … nein. Eine Hand, ja, eine Hand griff nach mir.«
»Erzähl weiter.«
In Mamas Gesicht regte sich nichts.
»Bevor sie mich packte, bin ich aufgewacht.« Sie schluckte das Gefühl der Erleichterung hinunter. »O Mama, was bedeutet das alles? Wann hört es endlich auf?« Die Tränen rannen herab, trockneten und nur salzige Kristalle blieben auf ihrer Haut zurück.
»Ich weiß es nicht, meine Süße. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es an der Zeit, Hilfe zu holen. Auf Dauer geht es so nicht wei…«
»Hilfe? Willst du etwa sagen, dass ich verrückt bin?« Sie warf die Bettdecke zu Boden und sprang auf.
»Beruhige dich, mein Liebes. Wenn du nicht willst …«
»Ich will nicht. Ich bin nicht verrückt.«

Der Ruf des Pharaos
196 Seiten
Softcover
ISBN 996352415X
€ 10,99

»Du warst wieder dort?« Claudia rollte den Lutscher zwischen ihren Hamsterbacken umher und ähnelte damit verblüffend einem Kleinkind.
Ein schreiend komischer Anblick, doch Anna war nicht zum Lachen zumute. »Ja. Es ist unheimlich dort. Dunkel. Weißt du, dass ich, seitdem sich dieser Traum ständig wiederholt, Angst im Dunkeln habe?«
»Nein. Aber verdenken kann man es dir nicht.«
»Übrigens …« Sie zeigte auf den Lolli. »… bekommst du von dem da Karies.«
»Egal.« Claudia schob die Nascherei weiter in den Mund hinein.
Ein scheußliches Knacken wie von berstenden Knochen war zu hören, als Claudia ein Stück abbiss.
Ein Schauder durchlief Annas Körper. Sie schmeckte bittere Galle und schluckte heftig. »Bitte hör damit auf«, flüsterte sie.
»Ah, jetzt weiß ich es.« Claudias Miene verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. »Ich weiß, wo du Nacht für Nacht umherwanderst.«
»So? Wo denn?« Gespannt wartete sie auf die Antwort. Claudia besaß seit eh und je die verrücktesten Ideen, und wenn die Geschichte nicht dermaßen gruslig wäre, hätte sie sich auf ihre Erklärungen mit Sicherheit gefreut.
»Na, du triffst dich heimlich mit Daniel. Wenn auch nur in deinen Träumen, aber du triffst dich mit ihm.« Die Freundin, deren Haare jedem Feuerlöscher Konkurrenz machen konnten, versetzte ihr einen Stups in die Rippen und lachte.
»Nicht so laut«, zischte Anna und sah unter den Wimpern zu dem blonden Jungen hinüber. Daniel war zwei Klassenstufen über ihnen. Sämtliche Mädchen der Schule begehrten ihn. Sie war ebenfalls heimlich in ihn verliebt. »Er steht doch da drüben.« Hitze stieg ihr in die Wangen. Rasch sah sie weg. Niemand sollte über ihre Gefühle im Bilde sein. Vor allem nicht Claudia.
»Na und?« Claudia neigte den Kopf und setzte ihren berühmten Hundeblick auf, der bei ihr immer zog.
Heute nicht. Heute wollte sie nicht lachen oder scherzen. Der Tag sollte nur rasch vergehen.
»Er soll ruhig wissen, dass du ihn magst. Allein kommt er nie darauf. Wenn er es nicht erfährt, werdet ihr nie ein Paar. Also? Welche Rückschlüsse ziehen wir daraus?«
»Dass du spinnst, meine liebe Claudia. Dass du spinnst.« In Gedanken lächelte sie zu ihm hinüber. Eigentlich stimmte es. Doch wenn sie nur daran dachte, zu ihm zu gehen und ihn anzusprechen, klebten ihre Füße am Boden und ihre Zunge nahm ein taubes Gefühl an. Blöderweise würde Daniel wohl nie von allein zu ihr kommen, geschweige denn, sie ansprechen. Sie seufzte.

Sandra Rehschuh - Ruf des Pharaos - Backcover

Sandra Rehschuh – Ruf des Pharaos

»Liebeskummer, oder was?«, neckte die Freundin weiter.
»Ach, was.« Jetzt kam der Zeitpunkt, an dem sie sich den klebrigen Boden zum ersten Mal herbeisehnte; sie könnte damit Claudia den Mund verschließen.
»Sehnsüchte und seltsame, nächtliche Reisen. Ja, ja … Das muss Liebeskummer sein, meine Beste. Hihi.«
»Wenn du das sagst?« Sie ließ resigniert die Schultern sinken. Claudia würde sie sicherlich bis zum Ende ihrer Tage mit ihren Sprüchen nerven. »Woher willst du eigentlich wissen, dass ich in ihn verschossen bin? Vielleicht bist du es ja selbst, und weil du dich nicht traust, Daniel anzusprechen, hackst du auf mir rum.«
»Ach, Annalein.« Sie lachte. »Ich kenne dich. Deine Augen kleben ja förmlich an ihm.«
»Das geht nicht«, brummte sie. »Dann müsste ich mir nämlich die Augäpfel herausreißen und sie mit Kleber an ihm festmachen.«
Claudia klopfte ihr auf die Schulter. »Nur nicht den Mut verlieren. Jeder Topf findet seine Bratpfanne, sagt man doch so schön, oder?«
»Jeder Topf findet seinen Deckel. Ein toller Spruch, nicht wahr? Irgendwie stimmt der bloß nicht. Zumindest trifft er bei mir überhaupt nicht zu. Ich bin schon immer ein deckelloser Topf und weit davon entfernt, dass sich daran etwas ändert. Manchmal kommt es mir vor, als müsste ich mein ganzes Leben allein bleiben. Da gibt es noch ein geniales Zitat. Genieß die Einsamkeit. O Mann, wer denkt sich diese tollen Lebensweisheiten eigentlich aus?« Sie kickte einen Kieselstein davon und sah ihm nach.
»Anna, sei doch nicht frustriert. Du bist gerade vierzehn. Du hast genug Zeit, jemanden kennenzulernen.« Das Spöttische wich aus Claudias Stimme, sie blickte ungewohnt ernst.
»Vielleicht stimmt das ja.« Aber das tröstet nicht darüber hinweg, dass ich Daniel möchte, und ihn wohl niemals bekommen werde.
»He, ich habe eine Idee, Annalein«, Claudia warf den Rest ihres Lutschers fort. »Das bringt dich sicher auf andere Gedanken. Heute eröffnet die Ägyptenausstellung. Also die über den Kinderpharao. Tutancha … irgendwas. Was meinst du? Wollen wir uns die zusammen ansehen?« Sie sprang auf und wäre beinahe über die eigenen Füße gestolpert, hätte Anna sie nicht aufgefangen.
»Ich weiß nicht. Meine Nacht war kurz, Claudia und überhaupt …«
»Ach, komm schon«, sie zerrte an ihrem Ärmel, »es klingelt gleich. Also, du und ich auf Ägyptentour, meine verehrte Pharaonin.« Claudia kicherte und strich über Annas Haare. »Eigentlich könntest du wirklich als eine Pharaonin durchgehen«, bemerkte sie nachdenklich, »dein Haar ist in der richtigen Länge, das Schwarz stimmt. Dein Pony ist genauso gerade geschnitten wie der der Majestäten aus längst vergangenen Tagen. Und wenn ich dich richtig ansehe«, sie trat einen Schritt vor Anna und zwang sie zum Stehenbleiben, »erkenne ich sogar diese feinen mandelförmigen Augen an dir.«
»Claudia?«, sie zog die Freundin weiter, »es gibt keine Pharaoninnen. Wenn, dann Königinnen. Davon abgesehen glaube ich, dass du jetzt völlig durchdrehst.«

 

 

»Das macht vierzehn Euro.« Der Kartenverkäufer, dessen Gesicht sich unter einer Schicht Akne versteckte, beugte sich über die Theke und gab ihnen ihre Tickets.
»Vierzehn Euro? Da geht ja mein ganzes Taschengeld flöten«, klagte Claudia empört.
Am liebsten wäre Anna vor Scham im Boden versunken. Was der Typ jetzt wohl von ihnen denken mochte? Eigentlich konnte es ihr ja egal sein, aber peinlich war ihr die Sache schon. Was, wenn sie sich irgendwann einmal auf der Straße sahen? Erinnerte er sich an sie als die Freundin einer Unruhestifterin?
Das Pickelgesicht lächelte.
»Gehst du nicht auch bei uns in die Schule?« Claudia klimperte mit den Wimpern.
»Kann sein«, murmelte er und widmete sich wieder einem Prospekt über die Ausstellung.
»Ich glaube, ich habe dich bestimmt schon gesehen«, Claudia beugte sich zu ihm, »arbeitest du hier freiwillig?«
Er zuckte die Schultern, sah nicht einmal auf.
»Komm endlich. Lass ihn zufrieden«, sie zog an Claudias Shirt, »schließlich wolltest du mit mir in diese Ausstellung und nicht mit irgendwelchen Jungs flirten.«
»Flirten?« Claudia erschrak, sah zum Ticketverkäufer, der sie jedoch keines Blickes würdigte. »Flirten? Bist du wahnsinnig? Sieh ihn dir mal richtig an. Rothaarig und mehr Pickel im Gesicht, als andere auf ihrem Hint… ähm … Na, du weißt schon.«
Sie wandte sich von der Freundin ab und schüttelte den Kopf. Manchmal benahm sich Claudia wie ein Kindergartenkind. Niemand, der sie reden hörte, würde glauben, dass sie fünfzehn war.
»Ich wollte doch nur, dass er uns die Preise niedriger macht«, rechtfertigte diese sich weiter.
»Hat nicht geklappt.« Anna zerrte sie mit sich.
»Danke, das merke ich.«
»Denkst du mal daran, ob er das morgen in der Schule rumerzählt? Wenn er damit hausieren geht, dass du ihn bezirzen wolltest? Glaub mir, danach bist du das Gespött des Pausenhofes, nein, der ganzen Stadt.« Sie kicherte.
»Erinner mich nicht daran.« Claudia schob einen samtenen Vorhang zur Seite, der wohl das Tor in die längst vergessene Welt darstellen sollte, und schlüpfte hindurch.
»Kommst du?«, klang es gedämpft von der anderen Seite, »Anna?«
Sie wollte nicht weitergehen. Etwas lauerte in den Räumen, das sie von ihrem Standpunkt aus nicht sah. Sie starrte den Vorhang an. Waren da nicht eben Stimmen gewesen? Leise, flüsternd wie von weit her. »Unsinn«, schalt sie sich. Sie befand sich in einer Ausstellung. Natürlich gab es hier Menschen, die miteinander sprachen. Besucher und keine Gespenster. Dennoch bemerkte sie einen Druck auf der Brust, der abklang und zunahm, als werfe jemand einen Volleyball immer und immer wieder dagegen.
»Wo bleibst du denn? Anna?«
Der Vorhang warf Wellen und schien einen Moment lang durchsichtig zu werden. Sie hielt den Atem an, betrachtete den Stoff, aber nichts geschah. Alles war, wie es sein sollte. Nur ein roter samtener Vorhang, der zwei Räume voneinander trennte. Ihre Fantasie ging mit ihr durch. Mehr nicht. Sie schüttelte den Kopf über diese absurde Vorstellung, etwas anderes gesehen zu haben und wollte gerade der Freundin folgen, als sie jemanden hörte. Ja, komm, meine Königin. Komm zu mir.
Sie blieb stehen. Der Stoff in ihrer Hand fühlte sich heiß und trocken an. Wie hypnotisiert starrte sie auf den Vorhang, der nun flatterte, als tobe dahinter ein Sturm. Hitze stieg in ihr auf, verbrannte ihre Wangen, versengte die Augenbrauen. Die Luft wandelte sich zu Feuer. Sie konnte nicht mehr atmen.
Diese Stimme gehörte nicht Claudia. Nein, sie klang wie die eines Mannes. Brummend und irgendwie geschmeidig zugleich. Eine Stimme, die dem Knurren aus ihren Träumen ähnlich schien.
»Anna?«
Wie ein Mantel fiel die Wärme von ihr, kroch am Boden davon und zog sich in die Finsternis hinter dem Vorhang zurück. Einen Wimpernschlag lang hielt sie noch den Atem an, dann wirkte alles wie bei ihrem Eintritt in das Museum.
Claudia rief nach ihr. Ohne Zweifel. Wer sonst sollte wissen, dass sie im Vorraum stand?
Tagträume, es müssen Tagträume sein. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. »Doch, die gibt es«, korrigierte sie sich, aber wollte nicht daran denken.
»Willkommen, sehr verehrte Besucher«, drang es aus einem Lautsprecher über ihnen, »tauchen Sie ein, in eine der faszinierendsten Epochen der ägyptischen Geschichte. Ein Pharao wird mit neun Jahren auf den Thron gehoben. Seine Regentschaft dauert von 1332 bis 1323 vor Christus. Gelenkt durch seinen Gottesvater Eje, beginnt Tutanchamun die Abwendung vom Atonkult. Zerstörte Tempel der alten Götter werden wieder aufgebaut und er heiratet seine Schwester Anchesenpaaton.«
Anchesenpaaton? Anna horchte auf. Sie kannte diesen Namen, wusste aber nicht woher. »Anchesenpaaton.« Der Name umhüllte ihre Zunge mit einem Gefühl, als hätte sie eben gerade am Fell des Nachbarhundes geleckt.
»Tutanchamun, ein Pharao, der jung starb. Das Geheimnis um sein Ableben bleibt ungelöst. Was ist Wahres an dem Fluch des Pharaos? Warum starben die Expeditionsmitglieder, die das Grab am 4. November 1922 entdeckten, frühzeitig? Tauchen Sie ein und wandeln Sie auf den Pfaden längst vergangener Zeiten.«
Tränen füllten ihre Augen, schwer wie Blei waren ihre Beine. Etwas schien sie in die Knie zwingen zu wollen. Dieselbe Macht, die sie vor dem Vorhang erlebt hatte? Sie kämpfte gegen den Drang, sich auf den Boden zu werfen und wie ein Embryo zusammenzurollen. Sie musste hier raus. Schnellstmöglich. Wie sollte sie das ihrer Freundin beibringen? Sie erklärte sie mit Sicherheit für verrückt.
»Brrr …«, Claudia schüttelte sich, »verstehst du auch nur ein Wort von dem, was der da erzählt?«
»Ich glaube schon«, gab sie nach kurzem Zögern zu und schwor, dass alle Farbe aus ihrem Gesicht wich.
»Geht es dir nicht gut?«

 

»Ja, nein. Ach, ich weiß nicht. Eigentlich will ich nur nach Hause.« Sie versuchte zu lächeln und hoffte, dass es gelang.
»Nö, nichts da. Wir haben unser ganzes Taschengeld ausgegeben, um hier reinzukommen. Da gehen wir doch nicht, ohne uns die Ausstellung anzusehen. So, so. Du verstehst also, was der Typ da quasselt?«, wechselte sie das Thema. »Bist du etwa eine kleine Streberin?«
Sie brachte gute Noten nach Hause, ja, allerdings war sie alles andere als eine Streberin. Ihr fiel es leicht, zu lernen, und das wusste Claudia. Aber das Alte Ägypten? Nein, diese Epoche der Geschichte hatte sie bis heute für uninteressant gehalten und nie wirklich etwas darüber gelesen. Aus welchem Grund also kamen ihr diese Worte bekannt vor?
»Anna? Träumst du?«
Sie sah auf und lachte, obwohl ihr zum Heulen zumute war. »Keine Ahnung. Alles an diesem Ort kommt mir seltsam vertraut vor, als ob ich schon einmal hier gewesen wäre.«
Etwas blitzte vor ihrem inneren Auge auf. Gleißend hell, strahlender als die Sonne, zogen Bilder durch ihre Gedanken. Bilder, die sie nicht erkannte und die ihr dennoch einen Schauder über den Rücken jagten. Anna ahnte, dass das Gezeigte mit ihr im Zusammenhang stand, aber die Bilder nicht ihre Erinnerungen waren. Bevor sie erfasste, was sie sah, verschwand das Dargestellte und hinterließ nur Dunkelheit in ihrem Gedächtnis. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und fröstelnd verschränkte sie die Arme, dabei schien nur ein Augenblick vergangen zu sein.
»Unsinn. Die Ausstellung ist doch heute erst eröffnet worden. Oder warst du etwa mit Daniel auf der Pressekonferenz?«
Pressekonferenz? Wovon sprach Claudia? Dies musste ein Traum sein, oder sie wurde langsam verrückt. Du musst ruhig bleiben. Du wirst weder irre, noch bist du krank oder sonst was. Du bist nur übermüdet. Das ist alles. Zu viel gelernt. Das muss es sein, rief sie sich zur Ordnung, während sich ihre Knie in eine weiche Puddingmasse verwandelten. »Was sollte ich auf einer Pressekonferenz?«
Claudia seufzte. »Du besitzt auch keine Fantasie, oder?«
»Jedenfalls keine nur annähernd so lebhafte wie du.« Mit jedem Herzschlag zog sich die Erinnerung an diesen verfluchten Tagtraum weiter zurück. Sie sog die muffige Luft tief ein, überzeugt davon, dass alles nur in ihrer Vorstellung geschah. Wenn überhaupt.
»Mensch, Anna. Daniel schreibt für die Schülerzeitung einen Artikel über diese Ausstellung.«
Sie hob die Schultern etwas an, ließ sie aber sogleich wieder fallen. »Ja und?«
Claudia gab ihr einen Klaps gegen die Stirn.
Erschrocken trat sie einen Schritt zurück. »Spinnst du?«
»Erde an Anna. Hallo? Ist da oben noch jemand? Denk doch mal nach. Er hält sich hier bestimmt öfter auf. Und daraus schließen wir?«
»Wir? Nicht viel, denke ich. Eher du.« Es interessierte sie nicht, was Claudia dachte oder zu denken glaubte. Diese Bilder, diese Erinnerungen, entstammten sie der Wirklichkeit? Das war die einzige Frage, auf die sie eine Antwort wollte.
»Dass wir ihn hier natürlich antreffen werden«, riss Claudia sie aus ihren Überlegungen.
»He? Wen?«
»Ach Anna, hörst du mir überhaupt zu? Ich male dir gerade ein romantisches Date aus und du bist mit deinen Gedanken ganz woanders.«
»Ich höre.« Seufzend ergab sie sich in ihr Schicksal. Claudia würde nicht eher aufhören, zu reden, bis sie ihre Vorstellungen in allen Einzelheiten zu Ende erklärt hatte. »Also …«
»Ist ein Bindewort.«
»Nun lass mich doch mal. Diese Dunkelheit, die vielen Kostbarkeiten. Gibt es einen romantischeren Platz? Sei doch mal ehrlich.«
»Mit Sicherheit. Neben einer Mumie möchte ich nämlich nicht das erste Mal geküsst werden.«
Sie brachen in schallendes Gelächter aus.
»Lass uns jetzt Ägypten erkunden«, sagte Claudia feierlich und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.