Kurzgeschichten für Erwachsene in Anthologien

„Lisa“ in Pappelblatt

„Andere Welt“, „Verlaufen“ und „Zeit und Tod“ in Sommer Potpourrie – Autoren hinterlassen Spuren, ISBN: 978-3942802307

„Zufall?“ in Liebe: Geschichten rund um die Liebe, ISBN: 978-3942802123

„Im Beisein der Lieben“ in Krimi Kurzgeschichten, ISBN: 978-3942802345

„So etwas wie Liebe“ in Ruhm und Boden, ISBN: 978-3940680082

„Zwiegespräch mit dem Mond“ in Knall auf Fall allein, ISBN 978-3-940680-19-8

„Nur ein Buch“ in Mitten unter uns, ISBN 978-3-942104-02-9

„Rosarote Brille oder Schubladendenken“ in einfach lesbisch, ISBN 978-3-941455-19-1

„Geschichte einer Katze“, „Weidenkätzchen“, „Verlorene Seelen“ in RATZKATZ – Katzen wollen leben!, ISBN: 978-3942026062

„Engel gibt es wirklich“ in Das Wunder der Weihnacht, ISBN: 978-3-940951-38-0

„Die Neuerschaffung der Welt“, „Weihnachtsgeschenk der besonderen Art“ in Tierische Weihnacht, ISBN: 3-940951-39-0

„Es ist an der Zeit“ in BOA ESPERANÇA – STORY CENTER 2009 (AndroSF 5), ISBN 978 3 8391 3603 4

„Schach matt“ in Teufel auch!: Ein höllisches Vergnügen, ISBN: 3-940680-17-6

„Der erste Tag deines neuen Lebens“ in Wälder, Wasser, Licht und Liebe Texte der Ganzheit, ISBN: 978-3-95o27o4-1-9

„Heilkräfte“ in Kochende Leidenschaft, ISBN 978 3-935841-18-4

„Warum heute?“ in Baumgeflüster, ISBN: 978-3-937134-47-5

„Es ist an der Zeit“ in Starlight Union

„Liebe Ricarda“ in Caligo 1/09, ISSN: 1864-1466

„Lektion eines Bären“, „Max auf Jagd“ in Pfötchen, Huf und Ringelschwanz, Teil 2, ISBN: 978-3-940951-19-9

„Schöne Bescherung“, „Der Tag, an dem die Erde besiedelt wurde“, „Wunder des Lebens“ in Feier-Tage … wichtige Momente des Lebens, ISBN: 3-867039-76-3

„Nächtliche Begegnung“ in Eldorado, ISBN: 3453987674

„Urlaub mit Hindernissen“ in Kurzgeschichten 09/ 07, ISSN: 1613 – 432X

„Das Waschmaschinenphänomen“ in Caligo 04/ 07, ISSN: 1864-1466

„Rache der Natur“ in Alle schreiben Donau anders…

„Hochzeitstag oder Geiz ist nicht immer geil …“ in Kurzgeschichten 04/ 07, ISSN: 1613 – 432X

„Geschichte einer Katze“ in Tierisch gute Geschichten, ISBN: 3-940808-00-8

„Abschied (?)“ in Kurzgeschichten 03/ 07, ISSN: 1613 – 432X

 

Lyrik:
„Gartenzauber“ und „Sommererwachen“ in Sommer Potpourrie – Autoren hinterlassen Spuren, ISBN: 978-3942802307

„Gedanken eines Tierheimhundes“ in Tiere – Geschichten und Gedichte, ISBN: 978-3942802611

„Begegnung mit dem Leben“, „Zarte Blüte“, „Tropfen“, „Erschöpfter Schein“ und „Leere erleben“ in Begegnungen, die man nicht vergisst, ISBN: 978-3-942312-10-3

„Naschkatze“ und „Ron, die Diebin“ in Backstubenduft, ISBN: 978-3-938728-10-9

„Frühlingserwachen“ in Märchenhafte Lyrik, ISBN: 978-3-940951-02-1

„Tropfen“, „Gefangenes Leben“ in Gedankenwelt, ISBN: 978-3-941455-11-5

„Silberne Pferde“, „Kopfloser Reiter“ in Mondgeflüster, ISBN 978-3-941455-07-8

„Hochzeit ohne Gäste“ in Menschen im Glück, ISBN: 3-941127-02-0

 

Vorwort: 
in: „Das Auge der Meisterin“ von Hannah Harkor und Jürgen Ludwig, ISBN: 978-3940680280

 

 

Fotos/ Illustrationen: 
zwei Fotos in „RATZKATZ – Katzen wollen leben!“, ISBN: 978-3942026062

ein Foto im Kalender „Buchwelten 2009“, ISBN: 978-3-902574-20-6

zwei Zeichnungen in „Pfötchen, Huf und Ringelschwanz“, ISBN: 3-940951-05-6

Der Ruf des Pharaos

Sandra Rehschuh - Ruf des Pharaos Cover

Sandra Rehschuh – Ruf des Pharaos

Albträume werden nicht wahr … oder doch?

Dunkelheit. Ringsumher. Wände, die keinen Ausweg erkennen lassen.

Die vierzehnjährige Anna träumt oft von einem finsteren Labyrinth, bis sie erkennt, dass ihre Träume sie in eine andere Realität gezogen haben. Sie findet sich im alten Ägypten wieder, 1335 Jahre vor Christus.

Anna weiß, sie muss aufwachen, verschwinden, doch sie kann nicht. Eine viel zu starke, unheimliche Macht hält sie gefangen. Ihr Schicksal ist auf rätselhafte Weise mit der Vergangenheit verbunden. Warum setzt der mächtige Pharao Echnaton alles daran, sie in seine Hände zu bekommen? Wird Anna es mithilfe der Katzengöttin Bastet schaffen, nach Hause zurückzukehren? Und was macht ausgerechnet Daniel, ihre erste große Liebe, an diesem Ort, in dieser Zeit?

 

 

Leseprobe

Die Ausstellung
Dunkelheit. Schwärze. Überall. Atemraubend. Anna sah keinen Meter weit. Abgestandene Luft legte sich wie nasser Sand über die Nase, den Mund, erschwerte ihr das Atmen. Rasch hob und senkte sich ihr Brustkorb, jede Faser des Körpers gierte nach Sauerstoff, schien vor Ungeduld zerreißen zu wollen.
Sie spürte die Blicke wie Nadelspitzen auf ihrer Haut und dann … diese Schritte. Schritte, die von den Mauern herniederhallten, die sie umringten.
Sie blieb einen Herzschlag lang stehen, lauschte in die Finsternis. Kamen die Tritte näher? Nahm das Stöhnen an Lautstärke zu?
Gehetzt sah sie zurück und erkannte doch nichts.
Weiter! Du musst weiterlaufen, klang es hinter ihrer Stirn. Er holt dich. Er fängt dich. Du wirst niemals dieses Labyrinth verlassen, wenn er dich erreicht.
Sie drückte die Hände gegen die Schläfen, bis die Stimme in ihrem Kopf verstummte. »Ruhig, Anna«, murmelte sie, »irgendwo muss es einen Ausgang geben. Irgendwo vor dir. Oder hinter dir.« Ihr Herz trommelte wild. Die Erkenntnis, dass sie nicht den Hauch einer Ahnung besaß, wo sie sich überhaupt befand, jagte ihr einen Schauder über den Rücken.
Den Tränen nahe, streckte sie die Arme zu beiden Seiten aus. Ihre Hände berührten staubigen Stein. »Es muss einen Ausgang geben. Es gibt immer einen.« Sie konzentrierte sich auf ihren Puls, befahl ihm, langsamer zu werden. Erst, als er einen normalen Rhythmus annahm, schloss sie die Augen, versuchte sich auf Gehör und Gefühl zu verlassen und trat zwei Schritte nach vorn.
Keine Mauer. Aber auch kein Luftzug. Enttäuscht ließ sie die Schultern sinken.
»Grrr …«
Blindlings hastete sie durch die Gänge, eine gefühlte Ewigkeit, bog nach rechts ab, als sie auf dieser Seite keinen Widerstand spürte.
Der Schmerz schoss wie ein Pfeil von der Stirn in die Füße. Einen Moment lang verspürte sie Übelkeit, als ob sie zu viele Süßigkeiten auf einmal gegessen hätte, und atmete tief durch.
»Aua«, murmelte sie schluchzend, und tastete über eine Mauer. Sie war so oft den Weg entlanggelaufen, aber nie zuvor hatte er an dieser Stelle aufgehört. Es gab nur eine Sache, die sie wirklich wusste. Hinter ihr, irgendwo in den Tiefen der Schwärze, lauerte das Geschöpf, das nach ihr jagte.
Von Neuem hallten seine Schreie durch das Labyrinth, als ob es ihre Gedanken las.
»Grrr …« Dieses Mal schien es näher als zuvor.
Zitternd fuhr sie mit den Fingern über den Felsen. Sie fanden keinen Ausweg, keine Lücke, durch die sie sich zwängen konnte.
Außer Atem ließ sie sich gegen die Mauer sinken, starrte in die Dunkelheit. Sie presste die Zähne aufeinander, damit ihr Klappern sie nicht verriet. Ihre Haare stellten sich zu Berge.
Sie lauschte. Schlürfende Schritte, unheilvolles Knurren. Lauter. Näher.
Sie drückte sich gegen Stein und verbarg den Kopf zwischen ihren Knien. Ich seh dich nicht, also siehst du mich auch nicht. Ich seh dich nicht, also siehst …
Eine Hand, wie von Elfenbein, blitzte in der Schwärze auf.
Anna schrie.

 

Anna brüllte noch immer. Ihre Kehle fühlte sich wie Sandpapier an, ihre Stimme wurde schwächer, doch sie konnte nicht aufhören.
Ein lautes Knarzen übertönte sie.
»Anna? Was ist los?«, rief jemand.
Ohne Vorwarnung kam die Hand aus der Finsternis, bleich wie eine Totenhand. Sie keuchte. Das Ding kannte ihren Namen.
Sie fuhr auf, hörte ihr Herz dumpf in ihren Ohren pochen, sah einen Schatten, der ihr seltsam vertraut war und verstummte. Zischend sog sie die Luft zwischen den Zähnen ein. »Mama? Was …? Wo bin ich?«
Mama nahm sie in die Arme und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn. »Anna, du hast schlecht geträumt. Ein Alb, mehr nicht.«
Annas Augen füllten sich mit Tränen. Sie schniefte. »Es war kein Traum. Ich war dort. In dem dunklen Labyrinth. Die Mauern … die Sackgasse.« Ihre Stimme schwoll an, bis sie in Mamas Augen blickte. Darin erkannte sie ein Funkeln, das ihr nicht geheuer vorkam. Schmerz? Begründet in einer Ahnung, dass sie den Verstand verlor? Doch sie konnte nicht länger schweigen. »Es ging nicht mehr weiter. Dieses Mal jedoch …« Sie vergrub das Gesicht in der Ellenbeuge ihrer Mutter wie in Kindertagen, wenn sie sich gruselte. »Ich habe etwas erkannt.«
Mama nahm die Hand von ihrem Rücken. Augenblicklich vermisste sie die tröstende Wärme und bereute, überhaupt den Mund geöffnet zu haben.
»Was war das?« In Mamas Stimme schwang ein sorgenvoller Unterton.
Sie sah auf. Hörte sie ein Vibrieren, ein Zittern? Wieder und wieder hallte der Satz wie ein Echo in ihrem Kopf nach, bis sie glaubte, zurück in dem Labyrinth zu sein. Gehörte das, was sie vernahm, an diesen schrecklichen Ort? Stellte Mama einen Teil dieses ewig wiederkehrenden Albtraumes dar?
Anna schüttelte den Gedanken ab. Unsinn. Mama macht sich wirklich Sorgen um mich.
»Anna?«
Sie versuchte, zu lächeln. »Bitte entschuldige. Ich probiere, mich an die Einzelheiten zu erinnern. Vielleicht eine Klaue, Pranke … nein. Eine Hand, ja, eine Hand griff nach mir.«
»Erzähl weiter.«
In Mamas Gesicht regte sich nichts.
»Bevor sie mich packte, bin ich aufgewacht.« Sie schluckte das Gefühl der Erleichterung hinunter. »O Mama, was bedeutet das alles? Wann hört es endlich auf?« Die Tränen rannen herab, trockneten und nur salzige Kristalle blieben auf ihrer Haut zurück.
»Ich weiß es nicht, meine Süße. Ich weiß es nicht. Vielleicht ist es an der Zeit, Hilfe zu holen. Auf Dauer geht es so nicht wei…«
»Hilfe? Willst du etwa sagen, dass ich verrückt bin?« Sie warf die Bettdecke zu Boden und sprang auf.
»Beruhige dich, mein Liebes. Wenn du nicht willst …«
»Ich will nicht. Ich bin nicht verrückt.«

Der Ruf des Pharaos
196 Seiten
Softcover
ISBN 996352415X
€ 10,99

»Du warst wieder dort?« Claudia rollte den Lutscher zwischen ihren Hamsterbacken umher und ähnelte damit verblüffend einem Kleinkind.
Ein schreiend komischer Anblick, doch Anna war nicht zum Lachen zumute. »Ja. Es ist unheimlich dort. Dunkel. Weißt du, dass ich, seitdem sich dieser Traum ständig wiederholt, Angst im Dunkeln habe?«
»Nein. Aber verdenken kann man es dir nicht.«
»Übrigens …« Sie zeigte auf den Lolli. »… bekommst du von dem da Karies.«
»Egal.« Claudia schob die Nascherei weiter in den Mund hinein.
Ein scheußliches Knacken wie von berstenden Knochen war zu hören, als Claudia ein Stück abbiss.
Ein Schauder durchlief Annas Körper. Sie schmeckte bittere Galle und schluckte heftig. »Bitte hör damit auf«, flüsterte sie.
»Ah, jetzt weiß ich es.« Claudias Miene verzog sich zu einem spöttischen Grinsen. »Ich weiß, wo du Nacht für Nacht umherwanderst.«
»So? Wo denn?« Gespannt wartete sie auf die Antwort. Claudia besaß seit eh und je die verrücktesten Ideen, und wenn die Geschichte nicht dermaßen gruslig wäre, hätte sie sich auf ihre Erklärungen mit Sicherheit gefreut.
»Na, du triffst dich heimlich mit Daniel. Wenn auch nur in deinen Träumen, aber du triffst dich mit ihm.« Die Freundin, deren Haare jedem Feuerlöscher Konkurrenz machen konnten, versetzte ihr einen Stups in die Rippen und lachte.
»Nicht so laut«, zischte Anna und sah unter den Wimpern zu dem blonden Jungen hinüber. Daniel war zwei Klassenstufen über ihnen. Sämtliche Mädchen der Schule begehrten ihn. Sie war ebenfalls heimlich in ihn verliebt. »Er steht doch da drüben.« Hitze stieg ihr in die Wangen. Rasch sah sie weg. Niemand sollte über ihre Gefühle im Bilde sein. Vor allem nicht Claudia.
»Na und?« Claudia neigte den Kopf und setzte ihren berühmten Hundeblick auf, der bei ihr immer zog.
Heute nicht. Heute wollte sie nicht lachen oder scherzen. Der Tag sollte nur rasch vergehen.
»Er soll ruhig wissen, dass du ihn magst. Allein kommt er nie darauf. Wenn er es nicht erfährt, werdet ihr nie ein Paar. Also? Welche Rückschlüsse ziehen wir daraus?«
»Dass du spinnst, meine liebe Claudia. Dass du spinnst.« In Gedanken lächelte sie zu ihm hinüber. Eigentlich stimmte es. Doch wenn sie nur daran dachte, zu ihm zu gehen und ihn anzusprechen, klebten ihre Füße am Boden und ihre Zunge nahm ein taubes Gefühl an. Blöderweise würde Daniel wohl nie von allein zu ihr kommen, geschweige denn, sie ansprechen. Sie seufzte.

Sandra Rehschuh - Ruf des Pharaos - Backcover

Sandra Rehschuh – Ruf des Pharaos

»Liebeskummer, oder was?«, neckte die Freundin weiter.
»Ach, was.« Jetzt kam der Zeitpunkt, an dem sie sich den klebrigen Boden zum ersten Mal herbeisehnte; sie könnte damit Claudia den Mund verschließen.
»Sehnsüchte und seltsame, nächtliche Reisen. Ja, ja … Das muss Liebeskummer sein, meine Beste. Hihi.«
»Wenn du das sagst?« Sie ließ resigniert die Schultern sinken. Claudia würde sie sicherlich bis zum Ende ihrer Tage mit ihren Sprüchen nerven. »Woher willst du eigentlich wissen, dass ich in ihn verschossen bin? Vielleicht bist du es ja selbst, und weil du dich nicht traust, Daniel anzusprechen, hackst du auf mir rum.«
»Ach, Annalein.« Sie lachte. »Ich kenne dich. Deine Augen kleben ja förmlich an ihm.«
»Das geht nicht«, brummte sie. »Dann müsste ich mir nämlich die Augäpfel herausreißen und sie mit Kleber an ihm festmachen.«
Claudia klopfte ihr auf die Schulter. »Nur nicht den Mut verlieren. Jeder Topf findet seine Bratpfanne, sagt man doch so schön, oder?«
»Jeder Topf findet seinen Deckel. Ein toller Spruch, nicht wahr? Irgendwie stimmt der bloß nicht. Zumindest trifft er bei mir überhaupt nicht zu. Ich bin schon immer ein deckelloser Topf und weit davon entfernt, dass sich daran etwas ändert. Manchmal kommt es mir vor, als müsste ich mein ganzes Leben allein bleiben. Da gibt es noch ein geniales Zitat. Genieß die Einsamkeit. O Mann, wer denkt sich diese tollen Lebensweisheiten eigentlich aus?« Sie kickte einen Kieselstein davon und sah ihm nach.
»Anna, sei doch nicht frustriert. Du bist gerade vierzehn. Du hast genug Zeit, jemanden kennenzulernen.« Das Spöttische wich aus Claudias Stimme, sie blickte ungewohnt ernst.
»Vielleicht stimmt das ja.« Aber das tröstet nicht darüber hinweg, dass ich Daniel möchte, und ihn wohl niemals bekommen werde.
»He, ich habe eine Idee, Annalein«, Claudia warf den Rest ihres Lutschers fort. »Das bringt dich sicher auf andere Gedanken. Heute eröffnet die Ägyptenausstellung. Also die über den Kinderpharao. Tutancha … irgendwas. Was meinst du? Wollen wir uns die zusammen ansehen?« Sie sprang auf und wäre beinahe über die eigenen Füße gestolpert, hätte Anna sie nicht aufgefangen.
»Ich weiß nicht. Meine Nacht war kurz, Claudia und überhaupt …«
»Ach, komm schon«, sie zerrte an ihrem Ärmel, »es klingelt gleich. Also, du und ich auf Ägyptentour, meine verehrte Pharaonin.« Claudia kicherte und strich über Annas Haare. »Eigentlich könntest du wirklich als eine Pharaonin durchgehen«, bemerkte sie nachdenklich, »dein Haar ist in der richtigen Länge, das Schwarz stimmt. Dein Pony ist genauso gerade geschnitten wie der der Majestäten aus längst vergangenen Tagen. Und wenn ich dich richtig ansehe«, sie trat einen Schritt vor Anna und zwang sie zum Stehenbleiben, »erkenne ich sogar diese feinen mandelförmigen Augen an dir.«
»Claudia?«, sie zog die Freundin weiter, »es gibt keine Pharaoninnen. Wenn, dann Königinnen. Davon abgesehen glaube ich, dass du jetzt völlig durchdrehst.«

 

 

»Das macht vierzehn Euro.« Der Kartenverkäufer, dessen Gesicht sich unter einer Schicht Akne versteckte, beugte sich über die Theke und gab ihnen ihre Tickets.
»Vierzehn Euro? Da geht ja mein ganzes Taschengeld flöten«, klagte Claudia empört.
Am liebsten wäre Anna vor Scham im Boden versunken. Was der Typ jetzt wohl von ihnen denken mochte? Eigentlich konnte es ihr ja egal sein, aber peinlich war ihr die Sache schon. Was, wenn sie sich irgendwann einmal auf der Straße sahen? Erinnerte er sich an sie als die Freundin einer Unruhestifterin?
Das Pickelgesicht lächelte.
»Gehst du nicht auch bei uns in die Schule?« Claudia klimperte mit den Wimpern.
»Kann sein«, murmelte er und widmete sich wieder einem Prospekt über die Ausstellung.
»Ich glaube, ich habe dich bestimmt schon gesehen«, Claudia beugte sich zu ihm, »arbeitest du hier freiwillig?«
Er zuckte die Schultern, sah nicht einmal auf.
»Komm endlich. Lass ihn zufrieden«, sie zog an Claudias Shirt, »schließlich wolltest du mit mir in diese Ausstellung und nicht mit irgendwelchen Jungs flirten.«
»Flirten?« Claudia erschrak, sah zum Ticketverkäufer, der sie jedoch keines Blickes würdigte. »Flirten? Bist du wahnsinnig? Sieh ihn dir mal richtig an. Rothaarig und mehr Pickel im Gesicht, als andere auf ihrem Hint… ähm … Na, du weißt schon.«
Sie wandte sich von der Freundin ab und schüttelte den Kopf. Manchmal benahm sich Claudia wie ein Kindergartenkind. Niemand, der sie reden hörte, würde glauben, dass sie fünfzehn war.
»Ich wollte doch nur, dass er uns die Preise niedriger macht«, rechtfertigte diese sich weiter.
»Hat nicht geklappt.« Anna zerrte sie mit sich.
»Danke, das merke ich.«
»Denkst du mal daran, ob er das morgen in der Schule rumerzählt? Wenn er damit hausieren geht, dass du ihn bezirzen wolltest? Glaub mir, danach bist du das Gespött des Pausenhofes, nein, der ganzen Stadt.« Sie kicherte.
»Erinner mich nicht daran.« Claudia schob einen samtenen Vorhang zur Seite, der wohl das Tor in die längst vergessene Welt darstellen sollte, und schlüpfte hindurch.
»Kommst du?«, klang es gedämpft von der anderen Seite, »Anna?«
Sie wollte nicht weitergehen. Etwas lauerte in den Räumen, das sie von ihrem Standpunkt aus nicht sah. Sie starrte den Vorhang an. Waren da nicht eben Stimmen gewesen? Leise, flüsternd wie von weit her. »Unsinn«, schalt sie sich. Sie befand sich in einer Ausstellung. Natürlich gab es hier Menschen, die miteinander sprachen. Besucher und keine Gespenster. Dennoch bemerkte sie einen Druck auf der Brust, der abklang und zunahm, als werfe jemand einen Volleyball immer und immer wieder dagegen.
»Wo bleibst du denn? Anna?«
Der Vorhang warf Wellen und schien einen Moment lang durchsichtig zu werden. Sie hielt den Atem an, betrachtete den Stoff, aber nichts geschah. Alles war, wie es sein sollte. Nur ein roter samtener Vorhang, der zwei Räume voneinander trennte. Ihre Fantasie ging mit ihr durch. Mehr nicht. Sie schüttelte den Kopf über diese absurde Vorstellung, etwas anderes gesehen zu haben und wollte gerade der Freundin folgen, als sie jemanden hörte. Ja, komm, meine Königin. Komm zu mir.
Sie blieb stehen. Der Stoff in ihrer Hand fühlte sich heiß und trocken an. Wie hypnotisiert starrte sie auf den Vorhang, der nun flatterte, als tobe dahinter ein Sturm. Hitze stieg in ihr auf, verbrannte ihre Wangen, versengte die Augenbrauen. Die Luft wandelte sich zu Feuer. Sie konnte nicht mehr atmen.
Diese Stimme gehörte nicht Claudia. Nein, sie klang wie die eines Mannes. Brummend und irgendwie geschmeidig zugleich. Eine Stimme, die dem Knurren aus ihren Träumen ähnlich schien.
»Anna?«
Wie ein Mantel fiel die Wärme von ihr, kroch am Boden davon und zog sich in die Finsternis hinter dem Vorhang zurück. Einen Wimpernschlag lang hielt sie noch den Atem an, dann wirkte alles wie bei ihrem Eintritt in das Museum.
Claudia rief nach ihr. Ohne Zweifel. Wer sonst sollte wissen, dass sie im Vorraum stand?
Tagträume, es müssen Tagträume sein. Eine andere Möglichkeit gibt es nicht. »Doch, die gibt es«, korrigierte sie sich, aber wollte nicht daran denken.
»Willkommen, sehr verehrte Besucher«, drang es aus einem Lautsprecher über ihnen, »tauchen Sie ein, in eine der faszinierendsten Epochen der ägyptischen Geschichte. Ein Pharao wird mit neun Jahren auf den Thron gehoben. Seine Regentschaft dauert von 1332 bis 1323 vor Christus. Gelenkt durch seinen Gottesvater Eje, beginnt Tutanchamun die Abwendung vom Atonkult. Zerstörte Tempel der alten Götter werden wieder aufgebaut und er heiratet seine Schwester Anchesenpaaton.«
Anchesenpaaton? Anna horchte auf. Sie kannte diesen Namen, wusste aber nicht woher. »Anchesenpaaton.« Der Name umhüllte ihre Zunge mit einem Gefühl, als hätte sie eben gerade am Fell des Nachbarhundes geleckt.
»Tutanchamun, ein Pharao, der jung starb. Das Geheimnis um sein Ableben bleibt ungelöst. Was ist Wahres an dem Fluch des Pharaos? Warum starben die Expeditionsmitglieder, die das Grab am 4. November 1922 entdeckten, frühzeitig? Tauchen Sie ein und wandeln Sie auf den Pfaden längst vergangener Zeiten.«
Tränen füllten ihre Augen, schwer wie Blei waren ihre Beine. Etwas schien sie in die Knie zwingen zu wollen. Dieselbe Macht, die sie vor dem Vorhang erlebt hatte? Sie kämpfte gegen den Drang, sich auf den Boden zu werfen und wie ein Embryo zusammenzurollen. Sie musste hier raus. Schnellstmöglich. Wie sollte sie das ihrer Freundin beibringen? Sie erklärte sie mit Sicherheit für verrückt.
»Brrr …«, Claudia schüttelte sich, »verstehst du auch nur ein Wort von dem, was der da erzählt?«
»Ich glaube schon«, gab sie nach kurzem Zögern zu und schwor, dass alle Farbe aus ihrem Gesicht wich.
»Geht es dir nicht gut?«

 

»Ja, nein. Ach, ich weiß nicht. Eigentlich will ich nur nach Hause.« Sie versuchte zu lächeln und hoffte, dass es gelang.
»Nö, nichts da. Wir haben unser ganzes Taschengeld ausgegeben, um hier reinzukommen. Da gehen wir doch nicht, ohne uns die Ausstellung anzusehen. So, so. Du verstehst also, was der Typ da quasselt?«, wechselte sie das Thema. »Bist du etwa eine kleine Streberin?«
Sie brachte gute Noten nach Hause, ja, allerdings war sie alles andere als eine Streberin. Ihr fiel es leicht, zu lernen, und das wusste Claudia. Aber das Alte Ägypten? Nein, diese Epoche der Geschichte hatte sie bis heute für uninteressant gehalten und nie wirklich etwas darüber gelesen. Aus welchem Grund also kamen ihr diese Worte bekannt vor?
»Anna? Träumst du?«
Sie sah auf und lachte, obwohl ihr zum Heulen zumute war. »Keine Ahnung. Alles an diesem Ort kommt mir seltsam vertraut vor, als ob ich schon einmal hier gewesen wäre.«
Etwas blitzte vor ihrem inneren Auge auf. Gleißend hell, strahlender als die Sonne, zogen Bilder durch ihre Gedanken. Bilder, die sie nicht erkannte und die ihr dennoch einen Schauder über den Rücken jagten. Anna ahnte, dass das Gezeigte mit ihr im Zusammenhang stand, aber die Bilder nicht ihre Erinnerungen waren. Bevor sie erfasste, was sie sah, verschwand das Dargestellte und hinterließ nur Dunkelheit in ihrem Gedächtnis. Ihre Nackenhaare stellten sich auf und fröstelnd verschränkte sie die Arme, dabei schien nur ein Augenblick vergangen zu sein.
»Unsinn. Die Ausstellung ist doch heute erst eröffnet worden. Oder warst du etwa mit Daniel auf der Pressekonferenz?«
Pressekonferenz? Wovon sprach Claudia? Dies musste ein Traum sein, oder sie wurde langsam verrückt. Du musst ruhig bleiben. Du wirst weder irre, noch bist du krank oder sonst was. Du bist nur übermüdet. Das ist alles. Zu viel gelernt. Das muss es sein, rief sie sich zur Ordnung, während sich ihre Knie in eine weiche Puddingmasse verwandelten. »Was sollte ich auf einer Pressekonferenz?«
Claudia seufzte. »Du besitzt auch keine Fantasie, oder?«
»Jedenfalls keine nur annähernd so lebhafte wie du.« Mit jedem Herzschlag zog sich die Erinnerung an diesen verfluchten Tagtraum weiter zurück. Sie sog die muffige Luft tief ein, überzeugt davon, dass alles nur in ihrer Vorstellung geschah. Wenn überhaupt.
»Mensch, Anna. Daniel schreibt für die Schülerzeitung einen Artikel über diese Ausstellung.«
Sie hob die Schultern etwas an, ließ sie aber sogleich wieder fallen. »Ja und?«
Claudia gab ihr einen Klaps gegen die Stirn.
Erschrocken trat sie einen Schritt zurück. »Spinnst du?«
»Erde an Anna. Hallo? Ist da oben noch jemand? Denk doch mal nach. Er hält sich hier bestimmt öfter auf. Und daraus schließen wir?«
»Wir? Nicht viel, denke ich. Eher du.« Es interessierte sie nicht, was Claudia dachte oder zu denken glaubte. Diese Bilder, diese Erinnerungen, entstammten sie der Wirklichkeit? Das war die einzige Frage, auf die sie eine Antwort wollte.
»Dass wir ihn hier natürlich antreffen werden«, riss Claudia sie aus ihren Überlegungen.
»He? Wen?«
»Ach Anna, hörst du mir überhaupt zu? Ich male dir gerade ein romantisches Date aus und du bist mit deinen Gedanken ganz woanders.«
»Ich höre.« Seufzend ergab sie sich in ihr Schicksal. Claudia würde nicht eher aufhören, zu reden, bis sie ihre Vorstellungen in allen Einzelheiten zu Ende erklärt hatte. »Also …«
»Ist ein Bindewort.«
»Nun lass mich doch mal. Diese Dunkelheit, die vielen Kostbarkeiten. Gibt es einen romantischeren Platz? Sei doch mal ehrlich.«
»Mit Sicherheit. Neben einer Mumie möchte ich nämlich nicht das erste Mal geküsst werden.«
Sie brachen in schallendes Gelächter aus.
»Lass uns jetzt Ägypten erkunden«, sagte Claudia feierlich und wischte sich eine Träne aus dem Augenwinkel.

 

 

Ein Sternlein auf Reisen – In einem Land unter unserem Bett

Sandra Rehschuh - Ein Sternlein auf Reisen - Cover

Sandra Rehschuh – Ein Sternlein auf Reisen

Tim möchte nicht schlafen, denn er ist fest davon überzeugt, dass unter seinem Bett ein Monster lebt. Doch niemand will ihm glauben – bis der Vater verschwindet.
Mit Hilfe des Sternes Antares macht er sich in das Land Monstrosias auf, welches unter jedem Kinderbett existiert.
Hier erwarten die beiden Hindernisse, die es gemeinsam zu bewältigen gibt. Unter anderem muss Tim seine Scheu vor Krabbeltieren, als sie auf die Schabe Blattella treffen, überwinden.
Zielsicher führt sie Tim und Antares zum Haus des Monsters. Doch von dem Vater keine Spur.
Und dann taucht auch noch das Monster auf! Aber so furchtbar, wie es sich die beiden Freunde vorgestellt haben, ist es gar nicht.So lernen sie zu verstehen, dass alleine sein nicht schön ist und man auch Freunde braucht, selbst wenn man „anders“ ist.

 

 

Leseprobe:

Die Nacht hatte sich wie ein Schleier über die Welt gelegt. In dem kleinen Wäldchen, am Rande der Stadt, ließ der Uhu seinen Ruf erklingen. Nur das Läuten der Turmuhrglocke mischte sich in seinen Gesang. Sonst war es still. Auch der Wind hatte sich zur Ruhe begeben, sodass keine Wolke den Himmel verdecken konnte. Sternlein und Mond schauten gemeinsam hinab auf die Erde.
„Ob der Junge schöne Träume hat?“, fragte der Silbermann neugierig, als er in Tims Zimmer blickte. Gerade wollte er dessen Gesicht mit seinen Strahlen erhellen, als er feststellte, dass Tim nicht in seinem Bettchen lag. Wohin war er verschwunden? Zu dieser nächtlichen Stunde?
Verwundert runzelte der Mond seine Stirn. Schon längst sollte der Bub im Traumland sein. Aber nirgendwo war er zu sehen. Vorsichtig tastete er mit seinem Schein durch das Zimmer und auf die offenstehende Tür zu.
Laut waren die Stimmen, die an sein Ohr drangen:
„Nein! Ich will nicht ins Bett!“, hörte er Tim aufgeregt rufen.
„Warum denn nicht?“, fragte eine Frauenstimme besorgt. Das musste Tims Mutter sein.
„Weil … weil unter meinem Bett ein Monster ist!“, antwortete er kleinlaut.
„Es gibt doch gar keine Monster“, brummte eine Stimme.
„Doch. Bestimmt, Papa!“ Der Mond konnte sehen, wie Tim wütend mit dem Fuß aufstampfte. „Es gibt Monster! Mindestens eins! Und das wohnt unter meinem Bett!“

 

 

Ungläubig schüttelte der Silbermann seinen Kopf. Nie zuvor hatte er so etwas erlebt! Warum waren die Eltern des Jungen so uneinsichtig? Hatten sie denn wirklich noch nie etwas von dem Land Monstrosias gehört? Oder hatten sie die eigenen Erlebnisse aus ihrer Kindheit einfach vergessen?
Aber still nun! Der Mond mochte Tim helfen und ihn beruhigen. Seine silbernen Strahlen wanderten weiter durch die offene Tür. Hinaus in das Wohnzimmer, bis sie Tim erreichten.
„Warum will mir niemand glauben?“ Tränen schossen über seine Wangen.
„Komm, ich bringe dich ins Bett.“ Papa nahm ihn auf die Arme. „Und vorher schauen wir unter dein Bett. Versprochen!“
„Indianer-Ehrenwort?“
„Indianer-Ehrenwort!“
Oh je, dachte der Mond bei sich. Es ist doch gefährlich, nach diesem Monster zu suchen! Wenn er dann in das Land gezogen wird … Von dort gibt es kein Entrinnen. Aber nein, er brauchte sich keine Sorgen zu machen. Der Vater würde aufpassen. Und trotzdem kam der liebe Silbermond nicht umhin, misstrauisch auf die Erde zu blicken. Vielleicht war es sogar gut, wenn der Vater dem Monster begegnete?, überlegte er einen Moment. Dann würde er Tim endlich glauben.
Neugierig, an das Fenster gedrängt, erhellte sein Schein das ganze Kinderzimmer. „Oh je, oh je“, murmelte er. „Jetzt sind sie gleich da.“
Papa öffnete die Tür ganz weit. Es war fast taghell in Tims Zimmer. Kein Schatten war zu sehen. Kaum eine Ecke, in der noch Dunkelheit herrschte. Und trotzdem!
Tim streckte seinen Arm aus und zeigte aufgeregt auf sein Bettchen. „Papa! Da! Unter dem Bett! Hast du den Schatten gesehen?“
Er schüttelte den Kopf. „Es tut mir leid. War es das Monster?“
Behutsam ließ er den Jungen von seinen Schultern zu Boden gleiten. „Zeig mir mal, wo du das Ungeheuer gesehen hast.“
„Ich habe es nicht gesehen. Nur seinen Schatten. Und … und gehört habe ich es auch!“
Nachdenklich begann der Mond zu nicken. Er hatte auch etwas gesehen. Ob es wirklich das Monster war? Warum konnte es der Vater nicht entdecken?
„Gehört? Tim, das war doch nur der Wind.“ Papa schloss das angekippte Fenster. Zum Glück blieben die Vorhänge offen.
„Es war nicht der Wind“, entgegnete Tim schmollend. „Es war das Monster! Ich habe es ganz genau gehört.“
„Und was hast du gehört?“

 

Broschiert: 56 Seiten
Verlag: Axiomy Verlag (23. November 2015)
ISBN-13: 978-3945618479
Vom Hersteller empfohlenes Alter: Ab 5 Jahren

„Dass du das Licht löschen sollst, damit es unter dem Bett hervorkommen kann.“
„Du meinst, dein Monster fürchtet sich vor Licht?“
Tim schwieg.
„Dann wollen wir einmal unter das Bett schauen.“ Der Vater begab sich in die Hocke und hob dabei die Decke hoch.
„Nein! Papa! Das Monster … Es wird dich holen!“
„Es wird mir schon nichts tun!“
Nun konnte auch der Mond nicht mehr zuschauen. Viel zu sehr fürchtete er sich selbst vor dem Wesen, welches da unter dem Bett leben sollte. Dennoch beschützte er Nacht für Nacht die Kinder vor eben jenen Ungeheuern, indem er mit seinem silbernem Schein die Zimmer erhellte.
Tims Schrei ließ ihn seine Angst überwinden. Rasch schaute er durch das Fenster und konnte den Buben entdecken, der ängstlich einige Schritte vom Bett entfernt stand – ganz allein!
Nirgendwo war der Vater zu sehen! Wohin war er verschwunden? „Hätte ich nur nicht weggesehen“, tadelte sich der Silbermann. „Vielleicht ist er einfach gegangen?“ Nein, dann hätte Tim nicht schreien müssen! Ob wohl … das Monster …? Undenkbar! Aber warum eigentlich nicht? Aufgeregt versuchte der Mond, mehr zu erkennen.
„Mama! Mama! Das Monster hat Papa geholt!“
War seine Vermutung also doch richtig gewesen! Bang wurde ihm ums Herz. „Was soll ich tun? Wie kann dem Vater geholfen werden?“ Ängstlich blickte der Mond sich um, wusste aber keinen Rat.
„Jetzt ist aber Schluss!“, drang eine Stimme durch das Haus. „Dein Vater soll den Unsinn lassen! Und du wirst jetzt schlafen!“
„Aber … Mama!“ Die Mutter war nicht zu sehen. „Papa … Papa ist unter dem Bett!“
„Dann soll er gleich die Staubflocken hervorholen!“
Typisch Mütter, dachte sich der Mond. Warum wollte sie ihrem Jungen nicht glauben? Jetzt musste er doch selbst eingreifen. Hastig überlegte er und fasste einen Plan: Ein Sternlein musste hinunter auf die Erde. Ein Sternlein, das Tim beschützte und seinen Vater rettete.
Rasch rief der Mond seinen Sternenrat zusammen und trug das Problem vor.
„Ein Monster? Unter dem Bett von Tim? Ich habe es schon einmal gesehen!“, piepste ein Sternchen.
„Und du hast keine Angst vor diesem Wesen?“
„Nein. Ich glaube nicht, dass es böse ist.“
„So?“ Der Mond legte seine Stirn in Falten. „Dann soll es deine Aufgabe sein, dem Jungen zu helfen. Ich schicke dich zu ihm hinab.“
Ehe das Sternlein wusste, was mit ihm geschah, rutschte es auf einem silbernen Strahl auf die Erde – direkt durch das geschlossene Fenster von Tims Zimmer.

 

Vorhergegangene Auflagen:

An dieser Stelle möchte ich alle meine Leser bitten, die Auflage aus dem CODI-Verlag nicht zu kaufen! Der Verlag existiert nicht mehr, die Autoren erhalten ihre vertraglich vereinbarten Tantiemen nicht und ob die bestellten Bücher dann ja beim Käufer ankommen, kann ich nicht sagen und es obliegt nicht in meiner Macht, dort vernünftigen Nachforschungen nachzugehen, da die Verlagsinhaberin jegliche Kontaktaufnahme ins Leere laufen lässt.

Simbir Elhof und das schwarze Einhorn

Simbir Elhof und das schwarze Einhorn Cover

Sandra Rehschuh – Simbir Elhof und das schwarze Einhorn

Am dunkelsten Platz des Feenwaldes, da wohin nie ein Sonnenstrahl gelangt, lebte Simbir Elhof. Simbir Elhof war ein Zwerg. Eigentlich kein richtiger Zwerg; er war ein Goblin. Goblins sind kleine Gestalten, die lauter Unfug und Schabernack treiben. Sie haben eine grüne Haut, lange spitze Ohren und einen großen Mund, in dem die ganze Welt Platz hätte – wenn sie diese denn essen wollten. Bisher habe ich allerdings noch keinen getroffen, der es je versucht hätte.

Simbir war anders. Er hatte keine grüne Haut wie die Anderen; seine war lila und mit lauter orangefarbenen Flecken überzogen. Auch seine Ohren waren an den Enden eher rund statt spitz. Und das Schlimmste war: Er war ein freundlicher Goblin – er wollte keinen Unfug und Schabernack treiben.
Weil er so anders war, wollten seine Geschwister und deren Freunde bald nichts mehr mit ihm zu tun haben. Ja, nicht einmal seine Eltern wollten ihn noch sehen.
Eines Tages geschah dann, was ich, Schnorrebraun, lange befürchtet hatte: Man warf ihm einfach die Tür des elterlichen Wurzelhauses vor der Nase zu.
Sicherlich könnt ihr euch vorstellen, dass Simbir Elhof darüber sehr traurig war und so kam es, dass er allein in den Feenwald hinauszog, um sich dort ein eigenes Haus in den Wurzeln eines riesigen Baumes zu bauen.
Ich durfte ihn bei seinem Abenteuer begleiten. Und ihr dürft auch mitkommen.

Leseprobe:

»He, du da, was machst du da?«
Simbir sah sich um, aber er konnte niemanden entdecken. Hatte da nicht gerade jemand gerufen? Er ließ einen langen Ast fallen und wischte sich die dicken Schweißperlen von der Stirn. Bildete er sich jetzt schon Stimmen ein? Bei dieser Anstrengung wäre es kein Wunder. Eine Behausung zu bauen, hatte er sich leichter vorgestellt. Aber wahrscheinlich war er auch der erste Goblin, der das allein versuchte.
»Hallo? Ist da wer?«, rief er in den Wald hinein.
Niemand antwortete ihm.
Die Vögel sangen im kühlen Wind ihre Lieder und schon glaubte er, sich verhört oder wirklich alles nur eingebildet zu haben.
Er nahm seinen Ast wieder auf und trottete weiter.
Doch nach wenigen Schritten tönte es erneut: »Hejo, was machst du da?«
»Potz Blitz!«, schimpfte er und legte seine Fracht ab. Das konnte er sich nicht eingebildet haben! Simbir setzte sich auf einen Stein und sah nach oben. Von dort schien die Stimme nämlich zu kommen.
»Hier bin ich!«

Gebundene Ausgabe: 68 Seiten
Verlag: Carow Verlag Gruppe; Auflage: 1 (23. September 2015)
ISBN-13: 978-3944873046
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 6 – 10 Jahre

Ein Schatten huschte an ihm vorbei und verschwand in den dichten Blättern der Bäume.
»Jetzt bin ich hier!«
Die Stimme klang jetzt nahe, als würde ihr Besitzer fast neben ihm stehen und … jemand gab ihm einen Schubs in den Rücken!
Simbir Elhof purzelte von seinem Stein herab und landete mit der Knollennase im weichen Waldboden.
»Das ist aber gar nicht nett!«, rief er, setzte sich auf und klopfte sich den Staub von der Kleidung. Dann sah er sich um. Aber dort, wo er gerade noch gesessen hatte, war niemand zu sehen.
»Potz Blitz!«, murmelte er erneut und stand auf. »Mich von meiner Arbeit abzuhalten, das ist nicht freundlich. Ich brauche ein Dach über dem Kopf, bevor es dunkel wird und die ganzen Kobolde herauskommen.«
Er langte dahin, wo er seinen Ast abgelegt hatte … und griff ins Leere! Sein Ast war verschwunden! Wohin nur? Ringsumher war nichts zu sehen. Simbir Elhof hockte sich auf den Boden und wühlte mit den Fingern zwischen den herab gefallenen Blättern. Vielleicht hatte der Wind ihn mit Laub zugedeckt? Aber da war nichts!
»Oh nein, nein! Solch einen schönen und geraden Ast finde ich im Leben nicht wieder!«
Simbir war den Tränen nahe. Und wenn man genau hinschaute, konnte man sogar eine in seinen Augenwinkeln erkennen. Sie war rot, wie die untergehende Sonne.
»Hihi! Das hast du nun davon!« Da war sie wieder, diese seltsame Stimme. Jetzt nicht mehr so laut und witzig, wie zuvor, aber noch immer belustigt.
»Was habe ich denn getan, dass du so gemein zu mir bist?« Nun weinte Simbir Elhof wirklich. Wie bei einem kleinen Bach, so flossen die Tränen über seine Wangen.
Es knackte über ihm, dann fiel ein Zweig neben ihm zu Boden. Dieser war auch sehr gerade, aber nicht so dick und so schön lang wie der andere.
»Was soll ich damit?« Er wischte sich die Tränen fort.
»Nimm den. Der Andere ist … na ja«, druckste der Fremde herum, »… weggezaubert.«
»Dann zaubere ihn doch wieder her.«
»Das kann ich nicht.«
Simbir hörte auf zu weinen und spitzte die Ohren.
»Warum nicht?«, fragte er die Stimme, die zu niemandem zu gehören schien.
»Weil … weil ich bisher nur gelernt habe, wie man etwas wegzaubern kann. Wie man es zurück zaubert, das lernen wir erst nächste Woche.«
Simbir hörte aufmerksam zu und wusste nicht, ob er lachen oder weinen sollte. Es war zu komisch, aber trotzdem war nun sein schönes Baumaterial weg. »Wie soll ich jetzt nur meine Hütte bauen?«
In dem Blätterdach über ihm raschelte es. »Frag doch deine Freunde! Die helfen dir bestimmt!« Ein Lachen erklang.
»Ich, ich habe keine Freunde.«
»Jeder hat Freunde! Oder bist du etwa der Simbir irgendwas, den man aus der Schule verbannt hat? Der unbedingt ein braver Junge sein will?«
Simbir schwieg, doch das schien für den Fremden Antwort genug.
»Dann kann ich dir auch nicht helfen. Wärest du so, wie die anderen Goblins es sind, müsstest du nicht hier allein im Wald wohnen. Und du hättest ein Dach über dem Kopf.«
Simbir Elhof hob einen Stein auf und warf ihn ohne Ziel davon. Er war wütend und traurig zugleich. »Was ist so schlimm daran, wenn man anders sein möchte? Ich möchte niemanden ärgern oder gar wehtun.«
»Du, es wird Abend. Ich muss jetzt in die Schule. Wir lernen heute, wie man durch Wände läuft. Vielleicht sehen wir uns wieder – falls dich die Kobolde nicht auffressen.«
Es war wirklich dunkler geworden im Feenwald. Dabei kam es ihm vor, als wäre eben noch Morgen gewesen! Es würde nicht mehr lange dauern und dann war es finstere Nacht. Mit ihr kam die Kälte. Simbir Elhof mochte keine Kälte und Angst hatte er im Dunklen auch. Doch heute würde er es wohl nicht mehr schaffen, sich ein Wurzelhaus zu bauen.
»Ich hab dich ja noch gar nicht gesehen.«, erklärte er trotzig und fügte rasch hinzu: »Dann frag bitte auch deine Lehrer, wie man etwas Davongezaubertes wiederfinden kann.« Simbir Elhof blickte nach oben, aber alles, was er sah, war ein weißer Zipfel, der zwischen den Blättern herunterhing.
Es war also kein Goblin, der ihm heimlich gefolgt war, um sich über ihn lustig zu machen. Nein, es musste ein kleiner Geist sein!
Geisterkinder gab es viele in der Schule. Vielleicht noch mehr als Elfen und Goblins zusammengenommen. Diese wandelnden Bettlaken waren ebenfalls zu Scherzen aufgelegt und trieben ihr Unwesen aber normalerweise nur in Burgen und Ruinen. Was also wollte dieses Kerlchen hier?
»Wenn ich es nicht vergesse! Tschüssi!«, rief das kleine Gespenst ihm zu.
Simbir hörte noch ein Rascheln in den Blättern, dann wurde es still.
Geschwind suchte er Laub und Zweige zusammen, bevor es ganz duster war. Diese brachte er zu den Wurzeln des Baumes, in denen er sein Haus bauen wollte, und deckte sich zu, sodass ihn niemand mehr sehen konnte. Noch ehe sein Kopf das Moos berührte, das er sich als Kissen ausgesucht hatte, schlief er ein.

Ausgesetzt – (K)ein Hund zu Weihnachten

Sandra Rehschuh - (K)ein Hund zu Weihnachten

Sandra Rehschuh – (K)ein Hund zu Weihnachten

„Ausgesetzt – (K)ein Hund zu Weihnachten“ ist die Botschaft dieses Büchleins.
Jahr für Jahr landen Tiere unter dem Weihnachtsbaum und viele von ihnen kurze Zeit später in einem Tierheim.
Die Geschichte von Lucky, einem solchen „Weihnachtshund“ ist hier nachzulesen.
Lucky findet glücklicher Weise ein neue Zuhause.
Viele Tiere schaffen das aber nicht und müssen den Rest ihres Lebens in einem Tierheim verbringen.

Bitte handeln Sie nicht vorschnell, wenn Sie, vielleicht Ihrem Kind, den größten Wunsch eines tierischen Freundes erfüllen wollen.
Sollte Ihr Kind dies nicht akzeptieren, vielleicht lesen Sie ihm ja dann die Geschichte von Lucky vor?

Außerdem finden Sie in diesem Buch noch zwei weitere Kurzgeschichten für Kinder, deren Inhalt etwas heiterer ist.

 

Ausgesetzt – (K)ein Hund zu Weihnachten (2013)
Taschenbuch, 52 Seiten

Kurz vor Weihnachten macht man sich Gedanken, was man den Liebsten schenken kann. Ganz oben auf der Liste steht oft ein Haustier.

Doch Weihnachten ist der denkbar ungünstigste Zeitpunkt, sich ein solches anzuschaffen, denn viele Tiere landen nach den Feiertagen in den oft schon überfüllten Tierheimen.

In meinem neuen Buch „Ausgesetzt – (K)ein Hund zu Weihnachten“ wird die Geschichte von Lucky erzählt. Einem eben solchen „Weihnachtsgeschenk“.

Ich würde mich freuen, wenn die Geschichte einige Menschen noch einmal über die Wahl ihres Geschenkes nachdenken lässt.

Das Buch gibt es als Taschenbuch und auch als Kindl-Version und ist für kleine Leser ab 7 Jahren geeignet.

Simbir Elhof und der Honig der Veränderung

kostenloses eBook: Simbir Elhof und der Honig der Veränderung

kostenloses eBook: Simbir Elhof und der Honig der Veränderung

Simbir Elhof ist ein Goblin. Aber er ist anders als die anderen Goblins. Er ist nicht grün, sondern lila. Aber viel wichtiger ist, Simbir ist ein guter Goblin, der nicht nur nach Schabernack und Unsinn strebt. Und weil er so anders ist, hat ihn seine eigene Familie rausgeworfen.
Mit der Geschichte „Simbir Elhof und der Honig der Veränderung“ liegt eine Bonusgeschichte zum Buch „Simbir Elhof und das schwarze Einhorn“ vor, in der ein weiteres Abenteuer mit Simbir und neuen Freunden erzählt wird.

Nur als kostenloses eBook erhältlich – überall da, wo es eBooks gibt!

Kater Leo will fliegen lernen

Sandra Rehschuh - Kater Leo will fliegen lernen Cover

Sandra Rehschuh – Kater Leo will fliegen lernen

Kater Leo möchte gerne fliegen lernen. Natürlich sind ihm keine Flügel gewachsen. Was macht also ein schlauer Kater? Er sucht sich einen Vogel, der es ihm irgendwie beibringen kann. Doch Leo hat kein Glück. Es ist Winter, kurz vor Weihnachten, und der einzige Vogel, den er trifft, ist die kleine verwaiste Schwalbe Susi. Dummerweise kann auch sie nicht fliegen. So begeben sich die beiden auf die Suche nach jemandem, der ihren sehnlichsten Wunsch erfüllen kann. Dabei treffen sie auf eine taube Katze namens Trine und die Gans Abigail, die Leo eigentlich gerne als Braten unter dem Weihnachtsbaum vernaschen würde.

Werden sich Leo und Susi ihren Traum erfüllen können? Endet Abigail wirklich als Festmahl? Und was wird aus der tauben Trine?

Eine Geschichte über Freundschaft und Zusammenhalt für Groß und Klein, in der auch kleine Wunder nicht fehlen dürfen.

Einleitung

Guten Tag. Mein Name ist Leo, und wie Sie inzwischen wissen, bin ich ein abenteuerlustiger, temperamentvoller, draufgängerischer Kater.
Ich hatte einen Traum: Ich wollte das Fliegen lernen. Aber wer hat je eine fliegende Katze gesehen?
Egal, ich kümmerte mich nicht darum, riss von zuhause aus und suchte mir jemanden, der mir das Fliegen beibringen konnte. Und wer könnte das besser, als ein Vogel?
Leider hatte ich vergessen, dass inzwischen Herbst war und die Zugvögel gen Süden aufgebrochen waren.
Dennoch fand ich in einer Ruine ein kleines Schwalbenkind. Susi ist ihr Name. Doch auch sie konnte nicht fliegen. Was für ein Schlamassel!
Da es mir aber langsam an meinem Hinterteil kalt wurde, nahm ich Susi mit zu meinem Zweibeiner nach Hause. Dort wurde sie empfangen und in die Familie aufgenommen.
Die Zeit verging. Weder Susi noch ich lernten das Fliegen – bis zu jenem Weihnachtsabend, an dem die Wohnung verwüstet wurde.
Ich muss gestehen, dass wir beide nicht ganz unschuldig daran waren.
Aber Frauchen war sehr traurig und wir beschlossen, sie aufzumuntern. Ein supertoller Gänsebraten musste her!
Und damit begann unser Abenteuer erst richtig!

Leseprobe

Ein Sonnenstrahl – oder eine Staubflocke? – kitzelt meine Nase. Ich muss niesen. Träge hebe ich meinen Kopf und betrachte mit nur einem Auge die Welt um mich herum. Es ist Vormittag, würde ich schätzen. Die Sonne steht nicht mehr so hoch am Himmel, wie sie es noch vor einigen Wochen getan hat. Ihre Strahlen wärmen auch nicht mehr so richtig. Es ist Herbst.
Vor dem Fenster haben sich Vögel versammelt und bringen dort ein letztes Ständchen, bevor sie sich verabschieden. Sie werden davonziehen, wie jeden Herbst.
Es stimmt mich traurig, dass ich ihren lieblichen Gesang so lange nicht mehr hören werde. Aber mittlerweile weiß ich, dass sie wiederkommen werden. Nach dem kalten Winter, im Frühjahr, wenn die Sonne wieder wärmt.
Schwerfällig erhebe ich mich aus meinem Körbchen. Meine feinen, aber spitzen Krallen hinterlassen bei jedem Schritt ein Klacken auf dem Parkett. Vorsichtig geduckt nähere ich mich dem Fenster. Ich möchte sie nicht verscheuchen. Hinter der Gardine finde ich meinen Platz. Von hier aus kann ich sie gut beobachten. Immer muss ich mich vor ihnen verstecken.
Warum haben diese Piepmätze Angst vor mir? Vor mir braucht doch keiner Angst zu haben! In den sechs Jahren, seit ich auf dieser Welt bin, habe ich noch nie ein anderes Tier gefressen. Und ich könnte es mir auch nicht vorstellen.
Da ziehe ich doch lieber das Fressen vor, das mein Frauchen mir jeden Tag in den Napf füllt. Dort sind wenigstens keine Federn mehr dran! Und keine harten Knochen, an denen ich mir die Zähne ausbeißen könnte.
Eine dieser sonderbaren Kreaturen landet direkt vor meiner Nase. Sie kann mich nicht sehen, denn zwischen uns ist noch immer eine Glasscheibe und dieser Fetzen Stoff, den mein Frauchen Gardine nennt.
Mit schief gelegtem Kopf betrachtete ich das kastanienrote Gesicht, in dem zwei winzige schwarze Augen neugierig nach Futter suchen. Nicht mehr lange, dann werden sie fündig, wenn nach dem ersten Frost reichlich Körnchen auf dem Fensterbrett liegen. Die Armen. Später im Winter können sie nicht mehr jagen. Dann ist alles im Schnee verschwunden.

Taschenbuch: 114 Seiten
Verlag: Axiomy Verlag (2. Oktober 2016)
ISBN-13: 978-3945618790
Vom Hersteller empfohlenes Alter: 6 – 12 Jahre

Ja, auch diese Luftakrobaten können jagen! Dafür habe sie diesen spitzen Schnabel. Mäuse erwischen sie damit wahrscheinlich nicht. Aber eine Maus wäre denen bestimmt auch viel zu groß.Im Sommer, da haben sie die Mücken gefangen. Und Fliegen! Normalerweise jage ich die immer, wenn die sich in die Wohnung hinein verirren. Das wäre ja noch schöner, mich von deren Gesumme nerven zu lassen. Oder gar in die Nase stechen zu lassen. Das hat nämlich eine mal gewagt. Und schwupps – da war sie in meinem Mund. Geschmeckt hat sie nicht. Na ja, eigentlich kann ich das auch nicht behaupten. Schließlich habe ich sie im Ganzen hinuntergeschluckt.
Nach draußen darf ich nicht. Leider. Mein Frauchen hat viel zu sehr Angst um mich, weil ich doch von einem Auto überfahren werden könnte! Seit wir in die Stadt gezogen sind, habe ich Stubenarrest. Ich komme mir vor wie im Gefängnis. Dabei habe ich doch gar nichts getan. Ich war immer brav. Ja, ich bin ein braver Leo.
Mir bleibt also nichts weiter übrig, als stundenlang vor dem Fenster zu sitzen und hinauszuschauen.
Im Frühling habe ich den Schnee schmelzen gesehen und zugeschaut, wie die ersten Blumen ihre Hälse hinausstrecken, um die Sonne zu begrüßen. Im Sommer die schweren Gewitter, bei deren Krach ich mich unter dem Sofa versteckt habe. Und dann kam der Herbst. Langsam haben die Blätter sich verfärbt und begannen eines Tages abzufallen. Immer mehr Grün verschwand. Rot und braun, das sind die Farben, die diese Jahreszeit beherrschen. Und schwarz – wie die Trauer. Die Trauer, die jetzt an meinem Herzen nagt.
Ich werde wieder allein sein. Den ganzen Winter. Dann kann ich den Gesprächen der Vögel nicht mehr lauschen, die mir stets zugetragen haben, was in der Welt geschieht. Auch wenn sie es nicht gewusst haben, dass sie mir das erzählen! Denken die Federtiere doch, wir Katzen würden eine ganz andere Sprache sprechen! Aber dieser Irrtum ist ja nicht nur den Vögeln vorbehalten. Nein, auch die Menschen denken so. Dabei verstehe ich doch jedes Wort, das sie mir sagen. Sie könnten mich verstehen, wenn sie es wollten. Aber die Menschen hören manchmal nicht zu.
Mein Blick schweift in die Ferne. Wie es dort wohl sein wird? Ich meine, dort, wo die Vögel hinfliegen. Scheint dort die Sonne? Ist dort das ganze Jahr über Sommer? Ach, so gerne möchte ich mit ihnen gehen! Ob meine kleinen Pfoten das schaffen würden?
Die Schwalbe segelt davon, schraubt sich immer höher, dreht eine Runde um den Baum, in dem sich ihre Angehörigen versammelt haben, und lässt sich neben ihnen nieder. Nein, so schnell werde ich wohl niemals sein.

 

 

»Na, schaust du wieder den Vögeln hinterher? Sie sammeln sich und werden bald wegfliegen.« Mein Frauchen. Sanft streichelt sie mir über den Kopf. »Ach, muss das herrlich sein, fliegen zu können!«, stellt sie lachend fest und öffnet mir das Fenster.
Fliegen. Ja, das muss wunderbar sein. Aber ich kann es nicht. Mir sind keine Flügel gewachsen. Leider.
Ich blicke nach unten. Wir leben weit oben, in der dritten Etage. Ich kann nicht herausstürzen und meine Freiheit genießen. Keinen weiten Sprung unternehmen, um zu testen, ob ich nicht vielleicht doch fliegen kann. Der Baum steht nicht weit weg. Zehn oder fünfzehn Katzenlängen, nicht mehr. Aber doch unerreichbar. Wäre doch nicht dieser tiefe Abgrund dazwischen!
»Was überlegst du denn?«
Was soll ich denn schon überlegen? Wie ich da hinüberkomme. Wie ich mit ihnen mitfliegen kann! Darum drehen sich meine Gedanken!
Sie kann es nicht verstehen. Sie ist keine Gefangene und nicht immer eingesperrt in diesen vier Wänden. Sie gibt mir alles, ja. Fressen, einen warmen Schlafplatz, ihre Liebe. Aber das ist nicht das, was ich brauche. Ich brauche die Freiheit! Ich bin ein Kater, keine Rassekatze, die man irgendwo einsperren kann. Nein, ich bin ein Hauskater, ein Kater, der dazu geschaffen ist, Mäuse zu fangen. Und wenn das schon nicht möglich ist, weil es in diesem Haus keine Mäuse gibt, dann soll sie mich doch wenigstens hinauslassen. Ich möchte durch die Straßen laufen, ein Feld suchen und mit dem herabfallenden Laub spielen. Kann sie das denn nicht verstehen?
Sie will das Fenster schließen. »Komm, Leo. Komm rein. Es wird kalt.«
Na und? Ich habe ein Fell. Mir ist nicht kalt. Mir wird auch nicht kalt werden. Versprochen.
Sie drückt gegen den Rahmen. »Jetzt komm schon«, drängt sie. »Ich habe keine Zeit mehr. Ich muss zur Arbeit, dir dein Futter verdienen. Oder willst du heute Abend hungern?«
Ich habe keinen Hunger mehr. Von mir aus braucht es auch nie wieder etwas zu fressen geben. Es ist mir egal.
Ich lasse den Schwanz hängen und springe von der Fensterbank herunter. Heute Abend werden meine Freunde nicht mehr da sein. Ihr »Wit-Wit« fehlt mir jetzt schon. Sie kommen erst im Frühjahr zurück. Das ist eine lange Zeit. Viel zu lang für ein Katerleben.

 

 

Vorhergegangene Ausgaben:
Auflage im HNB-Verlag

An dieser Stelle möchte ich alle meine Leser bitten, diese Auflage nicht zu kaufen! Der Verlag existiert nicht mehr, die Abrechnungen fehlen von 2 1/2 Jahren, aber der Verlag darf weiterhin das Buch verkaufen. Ob die bestellten Bücher dann ja beim Käufer ankommen kann ich nicht sagen und es obliegt nicht in meiner Macht, dort vernünftigen Nachforschungen nachzugehen, da die Verlagsinhaberin jegliche Kontaktaufnahme ins Leere laufen lässt.